Heute Abend steht Amerika Kopf. Die Präsidentschaftswahl rückt näher, Zeit für die Spitzenkandidaten, sich im TV-Duell gegenüber zu treten. Hier entscheidet sich nicht weniger als die Frage, wer für die nächsten Jahre auf einer der wichtigsten Positionen der Welt sitzen wird. Hier geht es um die Zukunft Amerikas und natürlich auch um die Zukunft unserer Welt. Ein Kommentar.
Heute Nacht, 3 Uhr deutscher Zeit, stehen sich Hillary Clinton und Donald Trump vor laufenden Kameras gegenüber, und die halbe Welt wird zusehen. Das erste von drei TV-Duellen, die den amerikanischen Wählern bei der Entscheidung helfen sollen, wer sich künftig das Namensschildchen Mr. oder Ms. President anklippen darf.

Was vor einigen Monaten noch als schlechter Scherz galt, ist traurige Realität. Amerika entscheidet sich zwischen Donald Trump und seinen plakativen Parolen – viel heiße Luft, nur Geld und Propaganda dahinter – und Hillary Clinton, die ihr Standing mit größeren und kleineren Skandalen ebenfalls ganz schön auf Abwärtskurs gebracht hat. Aber ist Trump wirklich eine Alternative?

Man möchte nur hoffen, dass besonders die Jugendlichen Wähler die Augen öffnen und das Schlimmste verhindern werden. Doch was lehrt uns die Erfahrung? Wenn es um unsere Zukunft geht, sind wir ziemlich faul.

Das hat sich zuletzt am Brexit besonders deutlich gezeigt. Während die Briten der Brexit traf und sie feststellten, dass sie gerade richtig Mist gebaut haben, jagten weltweit Millionen Menschen digitalen Haustieren hinterher. Ich auch, klar, Pokémon hat kurz einen richtigen Hype ausgeübt. Und Pokémon selbst ist auch überhaupt nicht das Problem. Es ist nur eine weitere Möglichkeit, vor all den negativen Nachrichten in eine scheinbar heile Welt zu fliehen.

In den vergangenen Wochen konnte man den Eindruck gewinnen, dass uns, den U30ern, alles vollkommen egal ist. Wir, die wir für uns verbuchen, die Welt viel besser zu verstehen als unsere Eltern, die wir dank Wikipedia und Co. leichter an Wissen herankommen als jede Generation vor uns, die sich über soziale Netzwerke organisieren – wir sehen schulterzuckend zu, wie andere über unsere Zukunft entscheiden und werfen einen weiteren Pokéball nach Pikachu.

64 Prozent der jungen Briten zwischen 18 und 24 stimmten erst gar nicht ab, als es darum ging, ihre Meinung zum Brexit zu äußern. Den Spott ernteten sie prompt. „Selbst Schuld”, hieß es. Das meistgesuchte Google-Stichwort auf der Insel nach dem Referendum sei „Konsequenzen Brexit” gewesen, schreiben einige Medien. Als hätten die jungen Briten erst nach der Abstimmung angefangen, sich zu informieren, für was sie da nicht abgestimmt haben.Wie wird es am 8. November in den Staaten aussehen?

Und sind wir hier so viel schlauer? Auch bei uns rührt sich im Sommer kaum Widerstand, als die Bundesregierung erst die Renten um 4,25 Prozent im Westen und 5,95 Prozent im Osten anhebt – so viel wie schon lange nicht mehr – und Experten dann laut fordern, den Renteneintritt auf 68 oder gar 73 hochzusetzen, weil man ja sonst das Rentenniveau nicht halten könne. Bitte nicht falsch verstehen, ich gönne unseren Eltern und Großeltern jeden Cent mehr in der Tasche.

Doch solche Aussichten müssen doch irgendeine Reaktion hervorrufen! Die Menschen, die unsere Zukunft gestalten, sind derzeit nicht wir. Es ist die Generation unserer Eltern und Großeltern. Die Leute, die als 68er gegen Krieg auf die Straße gingen – rund um Europa brennt es derzeit auch wieder lichterloh –, diejenigen, die die Wiedervereinigung erwirkt haben. Sie wissen, wie man den Mund auf macht. Aber viele von ihnen sind heute enttäuscht und verbittert.

Und wir? Wir lassen uns Freihandelsabkommen aufdrücken und sehen zu, wie die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Bei der nächsten Wahl 2017 wird knapp die Hälfte der Wahlberechtigten ten älter als 50 sein. 2009 waren es noch knapp 40 Prozent. Grund genug, sich nicht für Politik zu interessieren. Bewirken können wir ja eh nichts.

Falsch!

Statt rumzuheulen, dass wir sowieso keine Rente mehr abbekommen, sollten wir mal langsam den Arsch hochbekommen. Auf der einen Seite machen wir alles, um unsere Lebensläufe aufzuhübschen, sammeln Auslandserfahrungen, machen noch mit über 25 unbezahlte Praktika, studieren in Rekordzeiten – bloß keine Zeit verschwenden. Auf der anderen Seite bleiben reihenweise Ausbildungsstellen unbesetzt, weil sich kaum Schulabgänger finden, die die Anforderungen erfüllen. Jeder, der es irgendwie schafft, versucht, zu studieren. Aber gut ausgebildete Fachkräfte sind Mangelware. Und dann regen wir uns auf, wenn Einwanderer sich bemühen, diese Lücken aufzufüllen.

Globale Finanzkrise, griechische Schuldenkrise, Ukraine-Krise, IS-Krise in Mittelost, Flüchtlingskrise, Terrorismus-Krise, Amok-Krisen, Brexit-Krise und die Türkei-Krise. Es nimmt kein Ende. Blogger tippen sich die Finger wund, politische Youtuber brüllen die verqueren Verhältnisse in die Welt, Kabarettisten geben resigniert auf, weil sie zwar auf der Bühne Beifall ernten, aber einen wirklichen Ruck in der Bevölkerung nicht auslösen können.

Wenn wir mal so viel Energie investieren würden, unsere eigene Welt zu gestalten, wie wir aufwenden, um unsere virtuellen Helden zu leveln, der deutschen Elf beim Gewinnen zuzujubeln oder um uns über das sogenannte Hartz-IV-TV aufzuregen, wäre schon viel gewonnen.

Manchmal habe ich den Eindruck, vielen von uns geht es einfach zu gut. Wir sind sicher aufgewachsen, unsere Eltern versuchen, uns alles zu bieten. Und das ist super. Wir sollten dankbar sein. Aber wir dürfen uns nicht darauf ausruhen und warten, bis das alles wieder in sich zusammenbricht. Es wird kein Superheld angeflogen kommen und uns retten. Wir wollen Politik in unserem Interesse? Dann müssen wir politisch aktiv werden. Das geht auch ganz lokal, indem wir die Abgeordneten in unseren Landkreisen anschreiben – die haben alle Mailadressen – und unsere Meinung sagen. Wir wollen faire Arbeitsbedingungen? Dann müssen wir uns dafür einsetzen. Wir wollen eine funktionierende Demokratie? Dann müssen wir die demokratischen Mittel auch nutzen.

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, sagte schon Immanuel Kant. Recht hatte er. Doch es braucht ganz schön viel Mut, sich aus der sicheren Umgebung unserer selbstgeschaffenen Fluchtpunkte zu wagen und Verantwortung dafür zu übernehmen, wie die Welt, in der wir leben, aussieht.

 

(Dieser Kommentar erschien in der Septemberausgabe des move36-Magazins in leicht abgewandelter Form)

 

Foto: dpa/Bildfunk

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