Einen Platz im Studienfach Medizin zu ergattern, ist schwierig. Die Bewerbung für die Plätze läuft über die Zentralvergabestelle „hochschulstart“. In diesem Wintersemester hat es viele der Studienplatzbewerber nur zufällig nach Marburg verschlagen, da die Plätze deutschlandweit vergeben werden. Ein Teil der Studierenden erhält zu Beginn des jeweiligen Wintersemesters nur einen der Teilstudienplätze, die erst nach dem offiziellen Verfahren, in dem die Vollstudienplätze vergeben werden, zugeteilt werden. Das ist der Grund, dass viele der Studierenden ihre Zusage erst frühestens eine Woche vor Vorlesungsbeginn erhalten. Die Fachschaft Medizin gestaltete nun für die Nachrücker nach Vorlesungsbeginn eine Art „Nachrücker-OE“ mit Infoveranstaltung, Kochabend und anschließender Party. Wie fühlt es sich an, Nachrücker in der Medizin zu sein? Wir waren dabei und haben mit einigen Erstsemestern und Tutoren gesprochen.

Eine bunte Truppe aus zehn Erstsemestern und drei Tutoren bevölkert am Samstagabend auf Klappstühlen die Küche von Drittsemester- Studentin und Tutorin Vivien und lässt sich das von den Tutoren gekochte „Chili sin und con carne“ schmecken. Vivien ist eine der drei Tutoren, die sich bereit erklärt haben, die Nachzügler zu betreuen. „Vor dem Kochabend und der anschließenden Party im Shotz gestaltet die Fachschaft für die Nachzügler eine Einführungsveranstaltung. Dort erhalten die Erstsemester Infos zu Marburg und ihrem Studium“, erklärt sie. Dazu zählen neben der Anmeldung in den Uni-Online-Portalen auch Dinge wie die Vorstellung der Mensen und der Bibliotheken. „Sonntags gibt’s auch ein Bücherfrühstück. Da geht’s dann um wichtige Literatur fürs Studium.“, fügt Vivien hinzu. Dieses Jahr gäbe etwa 100 Nachrücker an der Philipps-Universität. Diese wurden nach der Infoveranstaltung in Kleingruppen mit etwa 14 Studierenden eingeteilt. Dieses Jahr gab es insgesamt acht dieser Kleingruppen und 30 Tutoren. „Unsere Aufgabe ist es, den Erstsemestern nach der Infoveranstaltung die Stadt zu zeigen, und sie an die Hand zu nehmen, um ihnen den verspäteten Einstieg ins Studium zu erleichtern. Sie haben dann ja schon eine ganze Woche voller Veranstaltungen verpasst, daher ist das nötig“, erzählt Tutorin Vivien weiter.

Auch sie hat vor einem Jahr die Zusage fürs Studium kurz vor Vorlesungsbeginn erhalten: „Meine eigene Erfahrung war für mich natürlich die größte Motivation. Als Nachzügler hat man die ganze OE-Woche verpasst und wird völlig ins kalte Wasser geworfen. Da kann man jede Hilfe gebrauchen.“ Der Kochabend steht dabei im Mittelpunkt und soll dazu dienen, den Erstsemestern in entspannter Atmosphäre wichtige Tipps über den Ablauf des Studiums zu geben sowie die Möglichkeit zum Kontakte-Knüpfen mit Kommilitonen bieten. Hier lernen Studierende von Studierenden.

Simon (20) ist einer von ihnen. Er hat nur wenige Tage vor Vorlesungsbeginn seine Zusage zum Studium erhalten hat. „Ich hatte im August schon ein Studium in Riga begonnen. Als dann die Zusage für Marburg kam, hat mich das natürlich ziemlich gefreut. Die Entscheidung war keine einfache, aber ich habe dann doch meine Zelte dort abgebrochen und bin nach Marburg gegangen. Ich habe auch schon eine Wohnung zur Zwischenmiete gefunden.“, erklärt er stolz. „Man muss schon ziemlich spontan sein ganzes Leben auf den Kopf stellen, da sind Veranstaltungen wie diese natürlich die beste Hilfe. Man trifft Leute denen es ähnlich geht, das schafft dann auch gleich ein Gemeinschaftsgefühl. Die Tutoren sind auch nach dem Wochenende für einen da, das ist einfach klasse“, sagt er.

Gerade Studienplatz-Nachrücker trifft die Wohnungsknappheit in Marburg besonders hart. Nicht alle haben wie Simon das Glück, direkt eine Bleibe gefunden zu haben: „Im Moment schlafe ich noch bei einer Tutorin“, erzählt mir Luana (21). „Vor einem Jahr hatte ich mich das erste Mal auf Medizin beworben, aber keinen Platz bekommen. Ich habe dann dieses Wintersemester angefangen, Biologie in Würzburg zu studieren, als Vorarbeit für mein Medizinstudium sozusagen. Kurz vor Vorlesungsbeginn hab ich dann doch eine Zusage bekommen, und mich in Würzburg gleich wieder exmatrikuliert. Im Internet hab ich dann gelesen, dass es für Nachzügler an einem Wochenende diese Veranstaltung gibt. Letztendlich bin ich heute erst in Marburg angekommen. Das ist super, dass man direkt an die Hand genommen und integriert wird und die Möglichkeit hat, Kommilitonen kennen zu lernen. Die Tutoren geben auch Ratschläge zum Studium, sodass man nicht völlig allein da steht“, erzählt sie.

Die Erfahrung, einen Ansprechpartner zu haben, wenn sich das eigene Leben plötzlich um 180 Grad dreht, durfte Tutor Simon (26, Drittsemester) leider nicht machen: „Ich habe nach meiner Ausbildung als Operationstechnischer Assistent letztes Wintersemester erst im zweiten Nachrückverfahren einen Platz bekommen. Da hatte ich dann bereits zwei Wochen und auch die Nachzügler Veranstaltung verpasst. Da war es besonders schwierig, mich zurecht zu finden, da es für die zweiten Nachzügler gar keine Hilfe oder zuständige Tutoren gab. Diese Unterstützung braucht man aber absolut. Deswegen habe ich mich dieses Jahr entschlossen, Tutor für die Nachzügler zu werden“, sagt er.

Auch Leah (19) hat ihre Zusage knapp vor Vorlesungsbeginn erhalten: „Die Info zur Veranstaltung hab ich über die Studentische Studienberatung und über Facebook erhalten. Ohne die Infos, die man hier bekommt, ist man einfach aufgeschmissen.“, erzählt sie. Auch Martina (25) ist froh, dass es diese Art Unterstützung durch die Fachschaft gibt. Sie hat fünf Jahre auf einen Studienplatz gewartet, bereits eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen und zwei Jahre in diesem Beruf gearbeitet. „Seit der neunten Klasse wollte ich immer Medizin studieren. Die Anatomie des Menschen hat mich einfach schon immer fasziniert. Über das Losverfahren habe ich nun endlich einen Platz bekommen. Ein Zimmer habe ich auch schon gefunden. Wenn man dann noch direkt so toll von den höheren Semestern unterstützt wird, dann vereinfacht das einem den Start einfach sehr“, zeigt sie sich ebenfalls begeistert von der Nachrücker-OE.

 

Foto: Sarah Sonnberger

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