Das Leben ist voller erster Male. Keine überschätzte Lebensweisheit, nein, einfach eine Tatsache. Und manche dieser ersten Male, die einen prägen, die den weiteren Lebensweg bestimmen, finden und fanden in Marburg statt. Wir haben uns überlegt, welche ersten Male wir in Marburg erlebt haben. Ich für meinen Teil habe in Marburg das erste Mal alleine gewohnt.

Endlich weg von den Eltern. Oh Gott, ich brauche meine Eltern doch. Nicht die Mama!

Ein bisschen schizophrenes Gedankengut haben wir da sicher alle in uns gefunden. Wie will ich wohnen, und wo will ich hin? Weshalb eigentlich Marburg? Ich hatte das Gefühl, das erste Mal eine wirklich wichtige Entscheidung zu treffen, ohne eigentlich zu wissen, was kommen wird. Ich erinnere mich daran, kurz nach dem Einzug in meiner Wohnung zu sitzen, die neuen Möbel, die eigene Küche einfach nur anzustarren und zu denken: Ich lebe jetzt alleine.

Endlich nach Hause kommen wann ich will, es interessiert ja niemanden mehr. Mich nach niemandem richten müssen, essen, was ich will, spontan Sachen unternehmen. Sind ja schließlich nur ein paar Meter bis in die Innenstadt. Klingt soweit ziemlich befreiend; als es dann aber das erste Mal darum ging, ordentlich zu bügeln und etwas Eleganteres als eine Tiefkühlpizza in der Küche zu zaubern, war ich relativ aufgeschmissen. Sagen wir, meine Mama ist dem Einzelkind-Cliché ziemlich treu geblieben und hat sehr viel für mich gemacht. Angefangen damit, dass immer Essen im Haus war. Wasserkisten, Brot und Milch. Dinge, über die man früher gar nicht nachgedacht hat. Plötzlich kommen die Rechnungen in meinem Briefkasten an, ich bin dafür verantwortlich zuzusehen, dass meine Spüle repariert wird. „Mama, mal ’ne ganz doofe Frage, aber wie koche ich eigentlich Brokkoli?“ Spätestens als mir der Reis im Topf angebrannt ist, der Rauchmelder in der Wohnung komplett eskalierte und ich überfordert auf einem Stuhl stand und die Nackenstarre einsetzen spürte, im Kampf, das blöde Ding auszubekommen, habe ich gemerkt: So einfach läuft das hier nicht. Niemand tritt dir mehr in den Arsch. Alleine Wohnen ist ein Prozess, und der Prozess bedeutet lernen, lernen und nochmal lernen.

Früher waren diese Studenten Anfang 20 schon soo alt und erwachsen. Die haben ihr Leben unter Kontrolle, wissen genau wie was funktioniert. Haha, ich lache immer noch. Ohne Wohnungsschlüssel vor der Haustür stehen, den Müll so lange in der Küche gammeln lassen, bis 10.000 Fruchtfliegen ihr neues Zuhause nicht mehr aufgeben wollen oder durch den Rewe laufen, und am Ende des Monats das teuerste Eis des Sortiments kaufen, einfach weil Studium manchmal Frust ist. Trotzdem ist es irgendwo auch einfach nur toll. Fehler und Glücksgefühle, Bekanntschaften und Freundschaften. Von alledem ist dieses neue Leben gespickt. Und wenn man es zum 50ten Mal nicht hinbekommt, diese verdammte Bluse zu bügeln, dann wird die eben verknittert angezogen. Alleine Wohnen ist kaltes Wasser, und da muss man einfach reingeschmissen werden. Anders funktioniert das nicht. Nach zwei Jahren kann ich immerhin behaupten, dass ich in einem Haushalt lebe, in dem immer genügend Klopapier vorhanden ist. Und Essen? Naja, Leckereck ist und bleibt eine Alternative, der Lieferservice versteht mich, und Pizza soll für immer meine wahre Liebe sein.

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