„Goaßngschau“. Wir üben das jetzt mal auszusprechen. Und übersetzen: so, wie a Goaß geschaut. Ein Ziegenblick also. Man lernt bei Luise Kinseher nicht nur Bayrisch, sondern auch Yoga (den hängenden Hund und die lachende Diplompsychologin), warum es in einem Dorf in Niederbayern den ganzen Tag halb drei ist, dass einer immer wartet und warum Markus Söder niemals Ministerpräsident wird. Am Wochenende gab sie ihr Wissen im Rahmen des Marburger Kabarettherbst auf der Bühne des KFZ weiter.

Zitronengras ist das neue Ingwer. Das muss jetzt nur noch einer Alfons Schuhbeck stecken. Ohne Zitronengras ist auch Seeigelpippi wirkungslos. Mit Zitronengras hilft es aber bei Beziehungsproblemen. Ganz sicher. Man muss sich nur noch mit der Welt verbinden, wenn man es zum Hautbad verwendet. Luise Kinseher kommt von Hölzchen auf Stöckchen – beziehungsweise eben von Zitronengras auf bayrische Politiker. Die nehmen alle was ein. Warum sonst sollte Ilse Aigner dauernd lächeln, grundlos? „Der Einzige, der nichts einnimmt, ist Horst Seehofer – der kifft.“ Aber keine Angst, für gewisse Dinge ist vorgesorgt. Luise Kinseher hat irgendwann festgestellt dass das, was sie sich im Geiste so vorstellt, in der Realität nie eintrifft. Also stellt sie sich nur noch Sachen vor, die sie auf keinen Fall will. Zum Beispiel eine Ebola-Epedemie in München oder Marburg. Oder dass Markus Söder bayrischer Ministerpräsident wird.

Irgendwann, glaubt die Kabarettistin, werden wir zwischen verschiedenen Welten wechseln können, so wie wir heute Textnachrichten hin- und herschicken. Ach, was wäre das für ein Paralleluniversum, in dem Angela Merkel Friseuse, Horst Seehofer Busfahrer und Markus Söder Kindergärtner ist. Momentan haben wir aber ganz andere Probleme auf der Welt. Banken- und Flüchtlingskrisen, unbezahlbare Eigentumswohnungen, eine App für die schnelle Buße zwischendurch und dass man uns Smoothies schmackhaft machen will (sic!) – Brei, für dessen Herstellung man die Zeit braucht, die man einspart, weil man nicht mehr kauen muss. Zusätzlich zum Globalkonkreten ist Luise Kinseher aber auch ganz persönlich im Stress. Im Fahrstuhl eines Hotels hat sie einen Mann getroffen, der „bis bald“ gesagt und immer noch nicht angerufen hat.

Luise Kinseher entzückte das Publium mit bayrischer Hau-Drauf-Mentalität und jeder Menge Charme.

Luise Kinseher entzückte das Publium mit bayrischer Hau-Drauf-Mentalität und jeder Menge Charme.

Je später der Abend, desto blühender die Phantasie. Wie ein Mann von Welt sah er aus, gebildet, bestimmt ein Galerist – also, „net so a Marburger Galerist“, schon München, Maximilianstraße. Vielleicht ist ihm auch etwas passiert? Er liegt im Koma? Ach was, ein verheirateter rechtsradikaler Waffenhändler ist er, der „Dreckhammel, der gscherte“. Bis das Handy am Ende endlich klingelt, hätte sie den Abend ohne die Marburger sicher nicht überstanden. Die Diplompsychologin in Reihe eins vermittelt Sicherheit, die Yogatruppe (von der Kinseher zumindest behauptet, es sei eine, so sieht sie halt aus…) verbreitet gute Stimmung. Zwischendurch Fehlalarm. Nur eine SMS von Freundin Babsi, die wissen will, wo Luise ist. „Auf der Bühne. Staatstheater. Stimmung frenetisch.“, antwortet sie. Evolutionsmäßig kommen wir leider mit der Geschwindigkeit des Internets nicht mit. So erklärt sich auch die Bankenkrise. Da war es einfach plötzlich möglich, Unsummen von A nach B zu transferieren. „Mir san so hinten“. Selbst in der Küche. Hightech mit Induktionskochfeldern, die über Blicke gesteuert werden und einem Thermomix, der am Montag etwas für den Sonntag davor fertig macht.

Apropos Fortschritt. Die Google-Brille wird das Kabarett revolutionieren, glaubt Luise Kinseher. Zu jedem Gag gibt es die richtigen Bilder und Assoziationen geliefert. „Nie wieder blöde Kommentare.“ So wie in Marburg. Manchmal sitze sie schon da und frage sich, wofür sie das eigentlich mache. Klare Antwort: Sie hat noch nicht genug für die Rente zusammen. Eine Eigentumswohnung in München wollte sie immer. Und das möglichst, bevor die dreitägige Finsternis eintrifft, die alle Propheten bislang übereinstimmend gesehen haben. Zwischendurch ein Blick auf die Fitness-App. Aktuell sagt die das Ableben von Luise Kinseher für den 21.12.2046 voraus – „gut, aber nicht optimal“. Also wird auf der Bühne marschiert. Vielleicht schafft sie es so ja zumindest noch bis Heilig Abend? Aber das ist auch ein doofes Datum, um zu sterben. „Do liegst über die Feiertag.“ Mit 96 am Aschermittwoch sterben – das wäre nach ihrem Geschmack.

Noch ist sie aber quicklebendig. Verweigert sich Wellness und Meditation, weil das aggressiv macht. Glaubt, dass Menschen zusammengefaltete Götter sind. Und stellt fest, dass sie – obwohl Vegetarierin – eine ordentliche Leberkässemmel bräuchte, wenn sie im Aufzug steckenbleibt. Ein Wirtshaus wäre schön da drin, da könnte man es dann locker tagelang aushalten. Überhaupt müssen wir alle viel gelassener werden. „Ruhe bewahren“, so wie ja auch das Programm heißt. Stress aktiviert das Reptiliengehirn und legt alles andere lahm. Und eigentlich bleibt uns ja eh nichts anderes übrig? Also durften und sollten sich auch die Marburger entspannen. „Miteinander in so eine gewisse Leichtigkeit kommen“ hatte Luise Kinseher – übrigens mehrfach preisgekrönt und nicht umsonst die „Mama Bavaria“ auf dem Nockherberg – als Ziel des Abends ausgegeben. „Stellen Sie sich einfach vor, ich bin Ihr Fernseher.“ Weitere Anforderungen hatte sie nicht stellen wollen. Man muss ja dankbar sein, wenn an so einem Freitagabend überhaupt jemand kommt. Und dann auch noch in Marburg.

Sie mag zum ersten Mal in Marburg sein, aber die Hausaufgaben sind gemacht. „Wo des scho dreimal so deier worn is“, kommentiert sie den Veranstaltungsort. Und am Ende kannst Du dann aber trotzdem nicht spielen, wegen der Feuerwehr oder so?

 

Fotos: Nadja Schwarzwäller

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