Wie ihr sicherlich aus eigener Erfahrung wisst, ist Marburg nicht gerade eine Fahrradstadt. Es ist eng, es gibt viel Verkehr und über die vielen Hügel und Berge brauchen wir gar nicht reden. Die Mitarbeiter der Stadt machen sich natürlich trotzdem Gedanken, wie man die Verkehrssituation optimal gestalten kann. Da kommt die Firma Siemens mit ihrer Sibike-App genau richtig, um eine innovative Idee zuerst in der Universitätsstadt zu testen. Wir haben den Prototyp ausprobiert und sind durch die grüne Welle geradelt. 

10 Uhr, Magistratszimmer des Rathauses: Einige Anzugträger, inklusive Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies erwarten die Vertreter der Presse. „So voll ist dieser Raum bei Presseterminen selten“, scherzt er. Die Anzugträger entpuppen sich schnell als Mitarbeiter von Siemens, die mit Probanden in den vergangenen Wochen geradelt sind, um die App zu testen. Nach der Vorstellungsrunde erklärt Stefan Eckert, Leiter Siemens Mobility Süddeutschland, wie die Technologie funktioniert. „Per GPS verbindet sich das Smartphone automatisch mit den Ampeln, damit die entweder länger grün bleiben oder auf Grün umschalten“, erzählt er. Eine Fernbedienung für die Ampel – wer hat nicht davon schon mal geträumt!? Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Der Satellit bestimmt den Standort des Radfahrers auf fünf bis fünfzehn Meter genau. Passiert er einen sogenannten Anmeldepunkt, wird ein Signal an die Verkehrszentrale gesendet, die dann entsprechend reagiert und, wenn möglich den Radfahrer mit einer grünen Welle durchwinkt. Soweit, so gut, aber funktioniert das wirklich? „Wir sind von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18 Km/h ausgegangen, so dass die nächsten Ampeln dann auch auf Grün schalten sollten, wenn der Radfahrer die erste Ampel passiert hat.

11 Uhr, Marktplatz: Soweit die Theorie. Jetzt geht es an den Selbsttest. Fahrräder mit Smartphonehalterungen stehen bereit. Getestet wurde die App bislang am Ehrlenring, und da geht es jetzt auch hin. In langer Schlange aus behelmten Journalisten auf grünen Fernsehen, „reiten“ wir durch die Oberstadt hinunter zum Ehrlenring.

https://www.uni-marburg.de/studium/careercenter/kontakt

Zu Testzwecken wurde das Smartphone noch in eine Lenkerhalterung gesteckt, damit jeder sehen kann, wann Anmeldepunkte erkannt werden. In der Praxis soll das Smartphone dann in der Tasche stecken und von da aus erkannt werden.

11:15 Uhr, Lahnbrücke an der Weidenhäuser Straße: Der Treffpunkt ist erreicht. Nun geht es über insgesamt sechs Ampeln in er Hoffnung, dass wir alle problemlos bei Grün überqueren können. Die App zeigt eine Karte und sieht aus wie Google-Maps. „Wenn das Produkt marktreif ist, soll es nicht immer unbedingt eine eigenständige App sein, sondern als Zusatzfunktion für bestehende lokale Apps der Kommunen verarbeitet werden“, erklärt Stefan Eckert. Bis es soweit ist, liege jedoch noch ein langer Weg vor den Mitarbeitern, denn die App wurde hier in Marburg weltweit zum ersten Mal getestet. Mit von der Partie ist die Technische Universität München, die momentan alle gesammelten Daten auswertet. „Wir haben schon ein erstes Zwischenergebnis“, fügt David Borst, Produktmanager bei Siemens, hinzu. „Nach unseren Tests mussten die Radfahrer mit App etwa 30 Prozent weniger an roten Ampeln warten“, sagt er.

11:30 Uhr, Ehrlenring: Die Karawane setzt sich erneut in Bewegung und wir steuern auf die erste Ampel am Fußgängerübergang an der Mensa zu. Die färbt sich schon mal prompt grün. Gut, kann auch ein glücklicher Zufall sein, jedoch schalten die nächsten beiden Ampeln ebenfalls sofort auf Grün, als wir die Anmeldepunkte erreichen. So radeln wir ohne Halt über die B3 Richtung Ockershausen. Die erste Strecke scheint schon mal ein Erfolg zu sein. David Borst erkundigt sich bei allen, ob alles reibungslos funktioniert hat – hat es. An jedem Anmeldepunkt zeigt die App an, dass man erkannt wurde und auch an den Ampeln sind neue Leuchtsignale angebracht, die durch ein Fahrradsymbol anzeigen, dass der Satellit mich erfasst hat und die Ampel nun nach Möglichkeit reagiert. Das geht natürlich nicht immer einfach so, wie wir auf dem Rückweg feststellen. Hier müssen wir einmal warten, denn die Autofahrer sollen durch die App nicht automatisch benachteiligt werden. „Wir wollen eine ausgeglichene Situation im Verkehr schaffen und müssen natürlich nach dem Kräfteverhältnis gehen, ohne eine Gruppe wirklich zu benachteiligen“, erklärt Spies die Herausforderung des Projektes. Er glaube fest daran, dass das Produkt marktfähig und nützlich sein wird. 80.000 Euro hat die Stadt Marburg für den Umbau einiger Steuerungselemente an Ampeln und die Planungszeit investiert. „Einige Steuerungsgeräte waren bereits sehr alt und hätten sowieso demnächst erneuert werden müssen. Deswegen kam das Projekt ganz gelegen“, sagt Spies.

Insgesamt ein durchaus erfolgreicher Test, einer App, die das Leben der Radfahrer gerade in Marburg erleichtern könnte. Was hältst du von der Idee von der grünen Welle für Fahrrad-Fahrer? Brauchen wir sowas? Wir freuen uns auf deinen Kommentar.

 

Fotos: Philipp Queitsch

 

Share This