„Der glaubt mir kein Wort, seht ihr das?“ Manfred Paulsen vom Marburger Krimifestival will Zoran Drvenkar vorstellen und der Autor versaut ihm erst die Pointe mit dem Alter und erzählt dann echt unglaubliche Geschichten aus seinem Leben. Noch bevor er eine Zeile gelesen hätte. Dann die Ansage: „Also, kleine Programmänderung“. Statt aus dem angekündigten Buch will er lieber etwas anderes lesen. Am liebsten Simmel, den er selbst gerade liest. Ebenfalls unglaublich, oder? Aber dann eben ein anderes Buch. Beziehungsweise gleich vier.

„Ich schreibe sehr aus dem Bauch heraus“, sagt Zoran Drvenkar. Und wo das hinführt, das weiß er meistens selbst nicht so genau. Es gehe mit einem einzelnen kleinen Gedanken los und plötzlich entwickeln sich Figuren und Geschichten. „Gnadenlos unberechenbar“. Herzlichen Glückwunsch an den Verlag, der den ersten Teil von „Der letzte Engel“ nach 16 Seiten kaufte, mit einer „netten, schönen Komödie“ rechnete und dann ein Buch bekam, in dem es um Leben und Tod geht, buchstäblich. Aus diesem ersten Teil las Drvenkar dann eine Passage. Denn den zweiten vorzustellen, ohne dass das Publikum die Vorgeschichte kennt, das hätte ja eigentlich keinen Sinn, meint der Autor. Und packt noch eine Passage aus dem Thriller „Still“, eine aus „Du“ und eine Weihnachtsgeschichte obendrauf. Allerdings keine mit Schneeflöckchen, Weißröckchen oder sonstigem Kitsch. Der kleine Bruder steckt im Klo fest, nachdem er es mit seinen zwei Jahren irgendwie geschafft hat, das Bett, an das ihn die Geschwister mit der Hundeleine gebunden hatten, um in Ruhe fernsehen zu können, während der Rest der kroatischen Verwandtschaft an Weihnachten betrunken auf den Tischen tanzte, quer durch den Raum zu zerren. Willkommen in der Welt von Zoran Drvenkar.

Geboren wurde der 49-Jährige in Kroatien. Mit drei Jahren kam er mit seinen Eltern nach Berlin. Und in seinem Erwachsenenleben hat es ihn dann nach Bayern, nach Holland, zurück nach Berlin und ins benachbarte Havelland verschlagen. Dort lebt er jetzt in einer ehemaligen Kornmühle. Auf dem Grundstück nebenan will er seiner „Süßen“ ein Haus bauen. Beziehungsweise: „Sie baut und ich gucke zu“. Das sei schon immer ihr Traum gewesen. Er hat seine Zelte in Berlin damals abgebrochen, weil ein Freund in Bayern mit ihm zusammenwohnen wollte. Wohnung gekündigt, Zeug gepackt, und der Freund überlegt es sich spontan anders. Zoran bleibt trotzdem in Bayern, schreibt, verdient Geld, packt es auf das Konto des Freundes, damit der es ausgeben kann und dann Taxi fährt, um es wieder reinzuholen. Zwei Bücher pro Jahr habe er damals geschrieben, erzählt Drvenkar, aber nichts veröffentlicht. Dann bekommt Paul Maar eines davon in die Finger und es wird gedruckt.

Vier Jahre verbringt der Autor zwischenzeitlich in Holland. In einem Luxuscaravan. Luxus darf in Anführungsstriche gesetzt werden. Das Ding war voller Löcher und hatte kein Klo. Wir haben Mitte der 90er Jahre, „und ich habe auf Zeitung gekackt und dann alles zu den Kühen rübergeworfen“. Vier Jahre im Wohnwagen „ohne einmal Gras zu rauchen – das ist total depremierend“. Wer Zoran Drvenkar zwei Minuten zuhört, der glaubt Manfred Paulsen sofort, wenn der sagt „Der kann einfach alles“. Jugenbücher, Thriller, Science-Fiction, Drehbücher, Theaterstücke, Lyrik… Oh, und einen Frauenroman hat er auch schonmal geschrieben, ergänzt Zoran Drvenkar selbst, „einen brillanten Frauenroman“. Der gehöre deshalb in dieses Genre, weil kein Mensch stirbt und weil Frauen darin vorkommen. Hätten wir auch das geklärt.

Zurück zu seinem „letzten Engel“. Den er nach eigenem Bekunden sehr liebt. Der Titelheld ist 16 Jahre alt, heißt Motte und stirbt. Beziehungsweise wird unsterblich, als Engel. Nach einer mysteriösen E-Mail wacht er am nächsten Morgen auf, mit Flügeln, aber der Schwanz ist weg (Engel sind geschlechtslose Wesen, das läuft ganz konsequent) und es entspinnt sich eine Geschichte auf mehreren Ebenen und in verschiedenen Zeiten. Die Brüder Grimm kommen vor, der Zar in Russland ebenfalls und genauso rasant wie er redet, so schreibt Drvenkar auch. Seine Geschichten können bizarr sein und brutal, düster und derb. Der Sogwirkung kann sich der Autor selbst offenbar nicht entziehen. „Weiß jemand, wie lange ich schon lese? Ich bin völlig weg“, sagt er nach einer Stunde.

Und dann wäre da noch die Geschichte mit dem Jugendliteraturpreis. Er habe ein Buch über vier Jungs aus Kanada geschrieben, ohne jemals selbst in Kanada gewesen zu sein. Biografie erfunden, Zeitungsartikel gefälscht, den Autorenkollegen Andreas Steinhöfel zum Mitverschwörer gemacht und ihn behaupten lassen, er hätte das Ding übersetzt – und prompt einen Preis gekriegt. Und das Lob, dass es endlich mal wieder gute Literatur aus Kanada gäbe. Zwei Jahre lang haben alle die Klappe gehalten. Und jetzt – „die mögen mich nicht wirklich und ich werde den Preis auch nie wieder kriegen, aber es hat so einen Spaß gemacht!“. Apropos Spaß. Auch wenn er sagt, seine Eltern seien keine guten Eltern gewesen, sagt er auch, dass er ihnen dankbar ist. Wo wäre er sonst, wenn nicht alles so gelaufen wäre, wie es gelaufen ist? „Nein, ich stehe hier und das ist ein guter Platz.“ An dem er Spaß hat. Vor allem, wenn es sich um Marburg handelt. Er sei ja oft hier, erklärte Manfred Paulsen. Ach, eigentlich wohne er hier fast, entgegnet Zoran. Und fährt immer wahnsinnig gern „über diese furchtbare B wasauchimmer“. Ein Wiedersehen dürfte klar gehen.

 

Foto: Nadja Schwarzwäller

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