Da drehst Du Deinen ersten Spielfilm und dann läuft der auf der Berlinale. Jede Menge Presse. Hunderte von Zuschauern. Und alles, was dazugehört. Da kann der Adrenalinpegel schon mal unter die Schädeldecke gehen. Aber die Hosen voll haben in einem Kino in Marburg? Jawoll und erst recht. Regisseur Julius Schultheiß kommt nämlich von hier und hatte den Saal bei der Vorpremiere von „Lotte“ letzte Woche voller Leute, die ihn persönlich kennen.
Filmgespräch nach der Vorstellung? „Dafür trinke ich mir jetzt ein bisschen Mut an“, meinte er vorher. Das hätte es gar nicht gebraucht. Es gab durch die Bank, also die Kinositze positive Kritik. In Flipflops marschiert sie durch die Berliner Sommernacht, um in einer Kneipe einen Kerl zusammenzuflicken. Bei sowas ruft man eben Lotte an. Lottes Freund hat ihre „marode Art“ sowas von satt und stellt ihr die Eieruhr als Ultimatum. Wenn du in zwanzig Minuten nicht zurück bist, brauchst du gar nicht wiederkommen. Sie schafft es in unter zwanzig Minuten, Bierflasche im Vorbeigehen inklusive, und sitzt dann trotzdem auf der Straße. Auch egal, pennt sie halt bei einer Freundin. Und geht danach die Kontaktliste im ollen Tasten-Handy durch, um eine vorübergehende Bleibe zu finden. So ist Lotte halt. „Ein schwarzes Loch“. Wie so meistens zu spät bei der Arbeit im Krankenhaus. Der Überzeugung, zum Rauchen sei man nie zu jung. „Und wennde was brauchst, rufste jemand anderen“. Zwinker. „War nur Spaß“? Nicht wirklich.

Julius Schultheiß hatte diese Figur als allererstes in seinem Kopf. Der Rahmen kam später, erzählt er in der Bar neben dem Kino. Beim Mut antrinken. Und sehr früh hatte er auch schon die Schauspielerin im Kopf, die die Figur verkörpern sollte: Karin Hanczewski. Die beiden haben schon 2009 für ein kleineres Projekt zusammengearbeitet und lose Kontakt gehalten. Und als sie die ersten zehn Seiten des Drehbuchs bekam, da fand sie die…? Julius sieht sie auffordernd an. „Großartig“, pariert Karin. Die 34-Jährige, die viele inzwischen als Dresdner Tatort-Kommissarin kennen, verkörpert Lotte beeindruckend intensiv. Eine Frau, die auf alle Regeln pfeift und ihr Ding macht. Ohne Rücksicht auf Verluste aller Art. Der Mann, dem sie in der Kneipe die Platzwunde genäht hat, ist ein Schatten aus ihrer Vergangenheit, das weiß der Zuschauer schnell. Marcel. Jemand aus „weißte noch, damals“-Zeiten. Und dann taucht Greta auf. Nach einem Unfall wird sie an Lotte vorbeigerollt. An ihrem Bett: Marcel. Ihr Vater. Und sie heftet sich an Lottes Fersen, bis die nicht mehr weglaufen kann. „Marcel hat gesagt, Du bist meine Mutter.“

Wenn Greta bei ihr bleiben will, muss sie rauchen. Mutter-Tochter-Abend? Da wird in einem Club gekokst und wie, das Mädchen hat noch nie mit einem Kerl gevögelt? Und Greta lernt schnell. Damit Lotte mit ihr in die alte Heimat zu ihrer Mutter kommt, wird um die Wette gesoffen. „Glaubst du nicht auch, dass du’s so bisschen verkackt hast, so insgesamt mit mir?“ Ach, was. Wie das ist, einen solchen Charakter am Abgrund zu spielen, will eine Zuschauerin im Filmgespräch wissen. „Macht einem das – Spaß?“ Tut es, antwortet Karin Hanczewski, „sehr viel Spaß“. Normalerweise sei man gewohnt, netter zu Menschen zu sein, höflich. Und dann ist da eine Figur wie Lotte, die ganz „pur“ auf alles reagiert. „Es ist spannender, das zu spielen, was weiter weg ist von einem selbst“. Besonders die Szenen mit ihrer Filmtochter Greta, Zita Aretz, haben sie begeistert. Für den Film hat sie erstmal auf eine Gage verzichtet, so sehr war sie von dem Stoff überzeugt. Nicht nur eine „Low Budget-„, sondern eine „No Budget“-Produktion, erklärt Julius Schultheiß. Der für sein Projekt Regisseur, Drehbuchautor und Produzent war.

Sichtlich nervös, aber durchaus charmant beantwortete der Regisseur die Fragen aus dem Publikum.

Sichtlich nervös, aber durchaus charmant beantwortete der Regisseur die Fragen aus dem Publikum.

Um überhaupt anfangen zu können, musste sein Bausparvertrag dran glauben. Damit waren die ersten 18 Drehtage gesichert. Und dann war das Geld alle. Also initiierte Schultheiß eine kleine Crowdfunding-Kampagne. Weil das Team nur ein kleines sein konnte, musste jeder bei den verschiedensten Sachen mit anpacken. Das sei auch sehr anstrengend gewesen, sagt Julius Schultheiß. Mittendrin der Anruf, dass der Film auf der Berlinale laufen soll. Drei Tage vor Weihnachten. Da waren weitere Geschenke dann auch eher egal. Was verändert sich mit so einem Auftritt, kommt die Frage aus dem Publikum. „Das ändert einiges.“ Es gibt ein Publikum für den Film. Presse ist vor Ort. Leute von anderen Festivals sprechen einen an. Und insbesondere im Ausland wird ein Film ganz anders gesehen, wenn der Bär mit drauf ist, erklärt der Regisseur. Nicht zuletzt erhöhen sich die Chancen, einen Verleih zu finden. Inhaltlich sei es ihm vor allem um den Begriff der Ignoranz gegangen. Das sieht er als die grundlegende Haltung seiner Hauptfigur. Mit der – und der Stadt Berlin als Kulisse – wollte er auch ein Gefühl transportieren, das er selbst hatte, als er vor viereinhalb Jahren nach Berlin kam: das Gefühl, zwischen A und B festzustecken, das Gefühl von Anonymität, das Gefühl, sich auf nichts einlassen zu müssen. Nicht anzukommen, aber ankommen zu wollen – diese Sehnsucht steckt für Julius Schultheiß auch in Lotte.

Nach der Vorstellung gab es viel Applaus für ihn, seine Hauptdarstellerin Karin Hanczewski und Kameramann Martin Neumeyer. „Das war ein sehr beeindruckender Film, sehr intensiv – und höchst professionell“, lautete das Urteil eines Zuschauers. „Das sieht überhaupt nicht nach Crowdfunding oder Bausparvertrag aus.“ Das befand auch die Jury des Achtung Berlin New Film Award und zeichnete Lotte als besten Spielfilm aus. Der ein Kino zeige, „wie wir es gerne in Deutschland mehr sehen würden“. Warum die Kamera so oft als „Wackelkamera“ daherkam, wurden Julius Schultheiß und Martin Neumeyer auch gefragt – ob man der Intensität der Schauspielkunst der Darsteller nicht getraut habe? „Wir wollten, dass die Kamera genauso aufgewühlt und rastlos wie die Figur agiert“. Auch dass er oft sehr nah dran war an Lotte, war eine bewusste Entscheidung, erläuterte Neumeyer. Wieder ganz nah dran an seiner alten Heimat wird Julius Schultheiß dann wohl mit seinem nächsten Projekt sein: Von der Hessischen Filmförderung kam das Geld für die Stoffentwicklung, „und wenn wir es jetzt nicht komplett verbocken“, dann wird der Stoff auch umgesetzt. Und zwar in Marburg.

Biographisches ist auch schon in „Lotte“ eingeflossen. Die Szene in der Kneipe hat sich zum Beispiel auch im wahren Leben abgespielt. Wenn auch der Protagonist ein Mann gewesen ist. Aber die Situationen, die Bilder, Themen und Gefühle, die Julius Schultheiß verarbeitet, sind wie ein Puzzle, aus denen sich der Film dann als Gesamtbild zusammensetzt. Er erzählt von der Pflegerin seines Großvaters und von Geschichten, die sie erzählt hat. Dass alle drei Hauptfiguren im Verlauf des Films verletzt werden, buchstäblich, und eine Wunde tragen, kommt ebenfalls nicht von ungefähr. Durch einen Freund, der ein Beuys-Kenner ist, hat sich Julius Schultheiß mit dem Künstler und dem Buch „Zeige Deine Wunde“ beschäftigt. Nach seinem Abschlussfilm an der Kunsthochschule Kassel wollte er so schnell wie möglich wieder drehen. Und jetzt geht es mit dem neuen Projekt sozusagen zurück zu den Wurzeln, nach Marburg. In „Lotte“ war immerhin eine Tasse mit Marburg-Motiv zu sehen. Schön aufpassen, wer den Film guckt. Das kann man am Donnerstag Abend um 19:30 Uhr im Cineplex tun.

 

Fotos: Nadja Schwarzwäller

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