Die ersten wärmenden Strahlen der Sonne, die einen nach einer durchzechten Nacht im Gesicht kitzeln, sind eines der schönsten Gefühle der Welt. Die Festivalgänger unter uns werden es gewohnt sein, dem „Schwarz-zu-Blau“ am Horizont zuzusehen und die aufgehende Sonne mit einem Bier zu begrüßen, während man seine Füße an der letzten warmen Glut des Grills wärmt. Durchmachen hat seinen eigenen Charme – und das nicht nur auf Festivals, sondern auch mitten in Marburg. Mein erstes Mal … Durchmachen in Marburg war eine Erfahrung, die jeder Marburger mal gemacht haben sollte.

Über das Wochenende hatte ich Besuch von trinkfesten Freunden aus der Heimat bekommen. Das Studium hatte uns in alle Winkel Deutschlands verteilt. Da ist jede Minute gemeinsame Zeit wertvoll. Wir hatten gemeinsam mit meinen Marburger Freunden gekocht. Das schweißt nicht nur zusammen, sondern bietet vor allem die perfekte Grundlage. Schließlich hatte man sich lange nicht gesehen, und außerdem gibt’s ja immer einen Grund, die wenige, gemeinsame Zeit feuchtfröhlich zu feiern. Viele Teller Nudelauflauf, einige Bier und eine Menge Kurze später zogen wir also los zu unserer Kneipentour. Marburg ist DIE Kneipenstadt. Meistens nimmt man sich vor, nach spätestens zwei Drinks weiter zu ziehen, aber spätestens nachts um 3 Uhr beschließt man dann doch, einfach nur sitzen zu bleiben.

So auch in dieser Freitagnacht. Wir hatten gerade mal drei der vielen, tollen Kneipen Marburgs von innen gesehen. Nun saßen wir also im Hinkelstein, sangen gemeinsam zu den Klängen unserer Lieblingsmusik und erfreuten uns der vielen Nüsschen, der guten Altbier-Bowle und nicht zuletzt der vielen großartigen Kräuterliköre: Basaltfeuer, Marburger Nachtwächter – ihr kennt das ja … Zwei Stunden später nutzten wir auch noch die letzte Runde, bevor wir die Treppen hinauf gen Markplatz stiegen.

Mitte Juni ist der Sonnenaufgang bereits um 5:14 Uhr zu sehen. Zwischen den vielen Bier und unzähligen Kurzen hatten wir alle nicht wirklich darüber nachgedacht, ob wir uns nicht langsam Richtung Bett begeben sollten. Etwas verloren, frierend vor Müdigkeit und hungrig standen wir nun also auf Marburgs Kopfsteinpflaster und schauten uns unschlüssig an. „Lass uns aufs Schloss hochgehen, frühstücken! Wir holen uns einen Kaffee to go und ein Croissant und los geht’s!“ Die Theorie war super, die Praxis gestaltete sich schwierig. Die Aufgabe: Finde einen Bäcker in Marburg, der seine Pforten um 5:30 Uhr an einem Samstag für hängengebliebene Kneipengänger öffnet. Wenn selbst der Späti geschlossen hat, du fünf Bäcker in nicht gerade nächster Umgebung abgeklappert hast, du vor Müdigkeit frierst, aber trotzdem nicht schlafen willst, dann landest du irgendwann an der Lahntreppe, denn da scheint die Sonne hin. Gelandet sind wir am Ende gegen 6 Uhr dann nicht an der Lahntreppe, sondern gegenüber auf der Lahnwiese. Einige Punks hatten dort ihre Zelte aufgeschlagen. Ihr „Rückverdummungs-Camp“, benannt nach der Logik der „Rückverdummung“, deren Begriff durch die „APPD“, die „Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands“, geprägt wurde, sollte den Gegenpol zum Bildungsfest darstellen, das an diesem Wochenende stattgefunden hatte. Rückverdummung soll die Rettung der Menschheit darstellen, indem sie sie verblödet, denn kluge Menschen beginnen Weltkriege. Hatte ich vorher von derlei Logik und der APPD noch nichts gehört, schien mir das alles nach zwei Stunden Gespräch darüber doch wenigstens ein bisschen einzuleuchten. Gleichzeitig hielten Lagerfeuer und Bier uns warm, und frisch-containerte Rosinenschnecken der Punks stillten unseren Hunger. In dieser Nacht nicht schlafen zu gehen, schien mir in diesem Moment die beste Idee seit Langem. Schlaf wird schließlich sowieso überbewertet.

Etwa drei Stunden später saßen wir dann doch alle gemeinsam in meiner Küche. Frische Croissants und warmen, frischen Kaffee hatten wir nun zwar durch den Rest des Nudelauflaufs und heiße Gemüsebrühe – Elektrolyte gegen den sich bereits ankündigenden Kater – ersetzt, aber genau diese Momente sind unbezahlbar. Egal wie sehr unsere Klamotten nach Lagerfeuer gerochen haben, diese Nacht hat mir gezeigt, dass Marburg die perfekte Stadt zum Durchmachen ist: Kneipen, in denen du bis morgens dein Bier genießen kannst, Menschen, die dir Platz, Essen, Trinken und Wärme in Form von Feuer bieten und die warmen Strahlen der Morgensonne. Seit dieser Nacht hab ich dieses Szenario gern immer wieder wiederholt. Fazit: Die Sonne scheint in Marburg vielleicht weniger oft als anderswo, aber morgens, da begrüßt sie feierwütige Zombies gerne.

Foto: Philipp Queitsch

Share This