Das Leben ist voller erster Male. Keine überschätzte Lebensweisheit, nein, einfach eine Tatsache. Und manche dieser ersten Male, die einen prägen, die den weiteren Lebensweg bestimmen, finden und fanden in Marburg statt. Wir haben uns überlegt, welche ersten Male wir in Marburg erlebt haben. Was wir bestimmt alle getan haben, war, in Marburg feiern zu gehen.

Ich bin nicht in einer großen Stadt aufgewachsen. Es war vielmehr ein kleiner Ort, in dem man zwar alles hatte, was man braucht, allerdings auch nichts erlebte. Entsprechend fanden wir uns während meiner Schulzeit ziemlich schnell in den nächstgrößeren Städten wieder. Da gab es Kneipen und, oh, wie aufgeregt ich war, als ich das erste Mal mit 16 in die größte Disko der Stadt durfte. Ranze-Schuppen, Assi-Disko – so nannten wir den Club, in den es zwar jeden verschlug, der das Tanzbein schwingen wollte, bei dem aber niemand zugeben wollte, dass er ihn insgeheim mochte. Egal wo, man kann überall besser feiern gehen als hier. Dachte ich. Bis ich nach Marburg zog. Endlich Ersti-Woche. „Das super-coole Studentenleben beginnt, ich lerne intellektuelle, spannende Leute kennen und führe das perfekte Partyleben neben dem Studium!“ Auch das dachte ich.

2014, ich beginne mit dem Jura-Studium. Fette Jura-Party im Till Dawn heißt es da. Der möchtegern-cool und jung wirkende anglizistische Name hätte dabei bereits eine Vorwarnung sein können, aber nein, ich wollte es wohl nicht sehen. Ein bisschen aufgebrezelt, wie von zu Hause gewohnt, trete ich dann meinen Weg im typischen H&M-Jersey-Röckchen an und fühle mich beim Anblick der Beton-Wände gleich overdressed. Draußen steht die Polizei, die Schlange zieht sich bis zur Yellow-Car-Taxi-Station. Fantastisches Ambiente schon mal vorab.

Endlich drin angekommen freue ich mich über die für meine Verhältnisse billigen drei Euro Eintritt. Es laufen Charts, die ich noch nie gehört habe, die Wände sehen eher aus wie in einem Bunker und immer wenn die Tür zum Raucherbereich aufgeht, wabern ein paar Rauchschwaden durch den kalten Flur. „Okay, hier lasse ich mein Getränk nicht offen stehen.“ Der große Floor ist mittlerweile brechend voll und warum auch immer haben alle Juristinnen ein weißes Oberteil mit einer schwarzen Hose an. Scheint eine Art Dresscode zu sein, damit die Paarungszeit nur untereinander stattfindet und der Weg für Großkanzleien geebnet wird.

Das erste Bild, das ich beim Betreten des Raumes erhasche, ist ein Mädchen, das nur im BH auf einer Anhöhe steht und von sabbernden Typen exzessiv zelebriert wird. Das zweite Bild sind zwei Mädels, die sich gegenseitig kratzen und stoßen, bis ein breit gebauter Fitti-Besucher dazwischen geht. Das dritte Bild ist mir vertraut. Es ist die Bar, da ich wieder in den Flur gehe, um mir was zu trinken zu holen. Nüchtern mache ich das nicht mit.

Der Clou des Abends sind schmerzende Füße und viel Schweiß, da der Raum maßlos überfüllt ist. Außerdem die Erkenntnis, dass Marburg zum Feiern eben einfach nicht geeignet ist. Wir haben eine wunderbare Kneipenlandschaft und viele offene herzliche Menschen, aber Clubs, in denen getanzt wird und eine tolle Stimmung herrscht gehören nicht gerade zu den Aushängeschildern der Stadt. Das nächste Mal also lieber entweder auf der Couch bleiben oder ein paar Leute schnappen und die Oberstadt unsicher machen. Einzige Ausnahme: 90er Partys. Da ist Marburg natürlich ganz weit vorne.

Foto: Franziska Kraufmann/dpa

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