Ein Artikel über zwei Studentinnen, die im Flüchtlingsdrama auf der griechischen Insel Lesbos helfen wollten, der ihm im Gedächtnis blieb. Die Eingebung auf einer Autofahrt, dass auch er gefragt ist, etwas zu tun. Ein erster Aufenthalt in Griechenland Anfang des Jahres. Das Gefühl, zurückkommen zu müssen, mehr tun zu müssen. Also kam er zurück. Dieses Mal zusammen mit seiner Frau. Nun wollen Alexander und Dinah Hirsch einen Verein gründen. Und sie wollen für ein Europa einstehen, in dem Menschen in Not Hilfe erfahren. Und nicht zum politischen Spielball werden.

Längst haben andere Themen das Flüchtlingsdrama wieder in den Hintergrund gedrängt, sowohl auf den Titelseiten der Zeitungen wie auch in den Köpfen der Menschen. Die Bilder von verzweifelten Menschen in Schlauchbooten, die sich aus dem Krieg, der in ihrer Heimat herrscht, nach Europa retten wollen, sind nicht mehr so präsent wie noch vor einem Jahr. Aber: „Das Problem ist nicht weggegangen, ganz und gar nicht“, erklärt Dinah Hirsch. „Es ist nichts gelöst, es ist schlimmer geworden“, bestätigt Alexander. Schon bald, nachdem er von seinem Einsatz auf der griechischen Insel Chios zurückgekommen war, beschlossen sie, dass es einen weiteren Einsatz geben sollte, einen gemeinsamen. Im Juli war es dann soweit. Die Großeltern übernahmen die drei Jungs des Paares, Freunde, Verwandte und das Umfeld der Anskar-Gemeinde, in der Alexander als Pastor tätig ist, spendeten erneut Geld und die beiden konnten los. Dass man Dinge, Schicksale, Ereignisse erst dann wirklich begreift, wenn man sie real miterlebt – und dass sich auf die Distanz eben für viele Menschen Geschehnisse leicht verdrängen lassen, war eine tiefgreifende Erfahrung. „Jetzt verstehe ich das viel besser“, sagt Dinah.

Was aktuell gerade mit den Flüchtlingen passiert, das nennt Alexander eine „Katastrophe mit Ansage“. Die Schließung des Lagers in Idomeni ist für die beiden „erschütternd und unentschuldbar“. Da, wo eine funktionierende Infrastruktur besteht – wie rudimentär sie auch immer gewesen sein mag, da wird geschlossen.“ Alexander schüttelt den Kopf. Und Dinah fragt sich, ob Europa vielleicht schon längst nicht mehr das ist, wofür es eigentlich stehen sollte. „Haben wir vergessen, was zu tun, wenn es Menschen schlecht geht?“ Und den Menschen geht es schlecht. Niemand verlässt seine Heimat, niemand setzt sich in ein Schlauchboot und damit sein Leben und vor allem das Leben seiner Familie aufs Spiel, wenn es ihm nicht wirklich schlecht geht, sagen die beiden. Alexander hat bei seinem ersten Aufenthalt im Winter all das live erlebt, was wir nur aus den Nachrichten und von Fotos kennen: überfüllte Boote, schwangere Frauen, weinende Kinder, Menschen am Ende ihrer Kräfte. Das erste Gesicht, das sie nach ihrer Odyssee bei der Ankunft in Europa sehen, das sollte ein freundliches sein, wenigstens das – diese Motivation hatte er auf Chios.

Im Sommer war die Situation vor Ort eine etwas andere, erzählt er. Es sind weniger Flüchtlinge angekommen, dafür saßen die Angekommenen fest. Dementsprechend haben sich auch die Aufgabenstellungen für die Helfer verändert. Bei seinem ersten Einsatz drehte sich alles vor allem um die Erstversorgung. Nachdem er drei Tage Kleidung in einem Keller sortiert hatte, kamen in der nächsten Nacht 30 Boote auf einmal an, erzählt Alexander. Die Helfer haben Decken und trockene Kleidung verteilt, für Trinkwasser und etwas zu essen gesorgt, lebensrettende Maßnahmen organisiert. In Schichten wurden die Küsten abgefahren, um nach neuen Booten Ausschau zu halten. Im Sommer stand vor allem der Kontakt mit den Flüchtlingen im Vordergrund. Es sind Sportangebote entstanden, ein Frauenzentrum oder Englischkurse. Es sei aber wichtig, keine Strukturen aufzubauen, die von den Helfern nicht aufrecht erhalten werden können. Die Helfer spielen mit den Kindern, arbeiten in der Kleiderkammer. Nach wie vor wird auch ein „watchtower“ an der Küste besetzt. Das „Chios Eastern Shore Response Team“ (CESRT) setzt sich komplett aus Freiwilligen zusammen. Einheimische und Menschen, die aus ganz Europa und sogar aus Übersee kommen, um zu helfen. Ein paar Tage, ein paar Wochen, Monate. Weder Regierung noch professionelle Hilfsorganisationen sind vor Ort, berichten Alexander und Dinah.

Alles läuft über Mundpropaganda. Und natürlich das Internet. Sowohl längerfristige Absprachen wie auch kurzfristige Einsätze werden über das Netz kommuniziert. Als Alexander damals nach Lesbos reisen wollte, kontaktierte er die beiden Studentinnen, über die er gelesen hatte. Aus der Idee, sich ihnen anzuschließen, wurde nichts, aber er bekam Informationen und Kontakte vermittelt. Er schrieb an Helfer, die damals auf Chios waren und fragte, ob es Sinn mache, dass er zu ihnen stößt. „Wir brauchen jeden Menschen“, lautete die Antwort. Und so viel Bewunderung Alexander insbesondere für die Einheimischen hegt, die dort Tag für Tag anpacken, so sehr enttäuscht ihn auch die Abwesenheit von „offizieller“ Hilfe. Es wäre so viel möglich, wenn man wollte – „wenn wir das hier als absolute Amateure hinkriegen“? Auch Dinah ist es wichtig, zu vermitteln, welchen Unterschied ein Einzelner machen kann. „Jeder kann etwas tun. Und wenn viele Einzelne zusammenkommen, ist viel möglich.“ Alexander hält Vorträge über seine Erlebnisse in Griechenland, will das Thema im Bewusstsein halten, will Hilfe anschieben, seitdem er von seinem ersten Einsatz zurückgekommen ist. Ein gutes halbes Jahr später seien einige der Helfer, die er kennengelernt hatte, noch immer auf Chios gewesen. Dinah sagt, sie habe sich privilegiert gefühlt, dort zu sein. Als ein Teil des Teams.

Die beiden schauen sich Fotos an, die sie im Juli gemacht haben. Auf einem hat sich die griechische Wirtin, die seit über einem Jahr die Freiwilligen aus aller Wert in ihrer Pension beherbergt, einen Kostümkopf übergezogen. Die anderen sollten nicht sehen, dass sie weint, als Leute aus dem Team verabschiedet wurden. Durch die Fluktuation im Team entstehe eine sehr dynamische und positive Atmosphäre. Woher die einzelnen „volunteers“ kommen, aus welchen Ländern, Berufen und Lebenszusammenhängen, das tritt auf Chios in den Hintergrund. Selbst das politische Denken spielt nicht wirklich eine Rolle. „Es entsteht eine Bindung über all das hinaus“, sagt Dinah. Auch wenn der Alltag sich natürlich nicht immer reibungslos gestaltet. Weder in der Arbeit der Helfer untereinander, noch im Kontakt mit den Menschen, um die sie sich kümmern. Dinah möchte ihnen vermitteln: „Ihr seid genau wie wir“. Egal, woher die Flüchtlinge kommen und was sie vorher getan haben, plötzlich sind sie nur noch eine Masse – Flüchtlinge eben, kritisiert Dinah. Sie erzählt von einem älteren Mann, einem Professor für Französisch in Damaskus, der sie mit der Würde, mit der er inmitten dieser „Masse“ bewegt habe, beeindruckt hat. Während viele mit gesenktem Kopf und gebückter Haltung herumlaufen. Sie könne verstehen, dass viele in so einer Situation depressiv werden, sagt Dinah. Deshalb sei es so wichtig, ihnen als Mitmensch, auf Augenhöhe zu begegnen.

Jetzt, wo sie wieder zurück sind, hat sie das Gefühl, vor Ort zu wenig getan zu haben. Obwohl sie so viel mehr getan hat als alle, die eben nichts tun. Alexander hat indes immer ein ungutes Gefühl, wenn ihn jemand für seinen Einsatz lobt und sagt, es sei mutig von ihm beziehungsweise von ihnen, was sie da tun. Auch wenn er natürlich versteht, was damit gemeint ist, widerspricht er: „Das ist nicht mutig. Es ist mutig, sich in ein Schlauchboot zu setzen“. Verunglücken, das könne er auch im Urlaub im bayrischen Wald. Was er jetzt zusammen mit seiner Frau in Griechenland gesehen hat, das sei nicht so dramatisch gewesen wie noch ein halbes Jahr zuvor, dafür aber depremierender. Und dass Europa das Problem letztlich Griechenland überlasse, das sei menschenverachtend – sowohl für die Flüchtlinge wie auch die Griechen. Menschen müssen in einen Hungerstreik treten, um Zugang zu einem Anwalt bekommen, um etwas über den Stand ihres Asylverfahrens zu erfahren, erzählt Alexander. Ein Reporter berichtet aktuell, in den griechischen Camps sei es oft schlimmer als im Gefängnis. Hilfe ist weiter dringend nötig. Deshalb wollen auch Dinah und Alexander weiter helfen und hier vor Ort einen Verein gründen – um Unterstützung zu kanalisieren, wie sie es formulieren. Diese Unterstützung soll einerseits natürlich an das CESRT gehen, aber auch an andere bestehende Initiativen. Außerdem sollen Hilfseinsätze von Mitgliedern des Vereins darüber finanziert werden. Und das Thema Öffentlichkeitsarbeit ist natürlich auch ein wichtiges. Das Europa, das angesichts der Krise zu versagen scheint, das ist eine Sache. „Das andere Europa gibt es aber auch“, haben sie erfahren. In den Freiwilligen, die sich engagieren. So wie sie. Dieses Europa soll weiter wachsen, auch mit Hilfe ihres Vereins.

Wer das Engagement der beiden unterstützen will und sich für die Vereinsgründung interessiert, kann sich per Mail an die beiden wenden: alexander@hirsche.eu. Einen detaillierten Einblick in seine Erfahrungen auf Chios gibt der Pastor über seinen Blog: http://www.hirsche.eu/alexander/.

Share This