Wer hat’s erfunden? Ein Marburger. Genau genommen ein Schwabe, den es nach Marburg verschlug. Weil es ihn nach Marburg verschlug. Der deutschen Hochburg des Poetry Slam. Wenn man als Theologe erst einmal entdeckt, wie viel der mit einer Predigt gemein hat, dann kann das nur zu einem führen: der Erfindung des Predigt Slam. Prof. Dr. Thomas Erne hatte die Idee, Poetry Slammer Bo Wimmer setzte sie mit ihm zusammen um.
„Stell Dir vor, wir hätten die Idee patentieren lassen.“ „Oder ein Franchise-Unternehmen draus gemacht.“ „Wir wären jetzt reich.“ Thomas Erne und Bo Wimmer sitzen gemeinsam in der Bibliothek des EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, umgeben von den dicken Mauern der Alten Universität am Lahntor. Fünf Jahre ist es her, dass in diesen Mauern erstmals ein Predigt Slam stattgefunden hat. Als Seminar für Theologie-Studenten. Inzwischen ist das Konzept in ganz Deutschland bekannt, Bo Wimmer reist für Workshops und Veranstaltungen durch die Lande und Thomas Erne betrachtet die Entwicklung durchaus mit Erstaunen. „Ich hätte nie gedacht, dass das über das Seminar hinaus solche Wellen schlägt“, sagt der Theologe. „Ich war schon optimistisch“, hält Bo Wimmer dagegen. „Es ist eine geile Idee!“

Die geile Idee war quasi aus der Not heraus geboren. Thomas Erne war 2007 als Leiter des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart nach Marburg gekommen. Und war enttäuscht, dass die Stadt „keine vitale junge Kunstszene“ zu bieten hatte, wie er sagt. Mit einer Ausnahme: dem Poetry Slam. Diese Kunstform lernte Erne hier kennen. Zum ersten Mal in einem ehemaligen Dorfgasthof in Niederhone. „Das klingt so ähnlich wie das, was eine Predigt am Anfang einmal war“, dachte er. Nämlich? Eine öffentliche Rede. Bei der man gut sein muss. „Man muss die Leute mit der Macht des Wortes faszinieren und fesseln“, erläutert der Theologe. Innerhalb der Kirche hat die Rhetorik eine lange Tradition. Angehende Pfarrer müssen lernen, zu predigen. Warum also nicht das Konzept des Poetry Slam in deren Ausbildung integrieren?

2009 trafen dann Thomas Erne und Bo Wimmer aufeinander – den Kontakt vermittelte eine Studentin von Erne, eine Freundin des Poetry Slammers. Und gemeinsam hoben sie den Predigt Slam, oder „Sermon Slam“, wie es angelehnt an das Vorbild auf Englisch heißt, aus der Taufe (Wortspiel bezweckt). Zum ersten Mal fand er 2010 im Rahmen des homiletischen Seminars statt. Homiletik – die Lehre von der Predigt, ihrer Form und Darbietung. Im Kreuzgang der Alten Universität. Dichterwettstreit goes Theologie. Und was können die Studenten dabei lernen? „Sich locker machen“, sagt Thomas Erne. Was vielen auch gelingt – die meisten werden laut des Dozenten in relativ kurzer Zeit schon sehr frei. Jenseits des „Amtsbonus“ und des geschützten Raums einer Kirche und einer Gemeinde. Die Gemeinde sei viel zu höflich. Da brauche es 15 Jahre, bis einer aufsteht und nicht mehr kommt, wenn die Predigt lahm ist. Der Predigt Slam ist aber eben keine Predigt, er ist eine Kunstform. Und in der liegt Freiheit und Spielraum. Den sollen die Teilnehmer nutzen. Und etwas von der Kunstfigur, als die sie dabei agieren, mit auf die Kanzel nehmen. Witz und Ironie, sogar Blasphemie gehören zum Predigt Slam. Vielleicht funktioniert es gerade deshalb, weil es etwas Unbekanntes hat, vermutet Erne. Und schon bald wurde die Idee in weiteren Kreisen unter die Leute gestreut, wie die beiden sagen.

Bo Wimmer begann, Workshops und Predigt Slams auch außerhalb der altehrwürdigen Fakultätsmauern zu veranstalten. Wobei er die Erfahrung gemacht hat, dass die Leute sehen müssen, was genau das eigentlich ist. Als er mit dem Projekt auf dem Kirchentag war, haben es zum Beispiel viele gesehen, erzählt Bo Wimmer. Und waren begeistert. Die Reaktion auf x verschickte elaborierte Projektskizzen zuvor hingegen? Genau zwei Antworten. Eine davon lautete in Kurzform: eher nicht, vielen Dank. Inzwischen ist das ganze aber sozusagen „EKD-approved“: Jährlich ist der Slammer am EKD-Reformzentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg mit dem Predigt Slam zu Gast. Er war in Rostock an der Uni, in Hildesheim im Kloster und vor kurzem bei der Herbstkonferenz der Württembergischen Landeskirche. Und er sitzt in der Jury, die das Lied für den Kirchentag 2017 auswählt. Zusammen mit Margot Käßmann. „Der kennt jetzt Leut‘, die ich net kenn.“ Thomas Erne verfällt in den heimatlichen Dialekt. Auch Bo Wimmer ist hier quasi im Exil – er kommt gebürtig aus dem Allgäu. Wie erklären sich die beiden, dass das Konzept so gut ankommt? „Ja, wie erklärst Du Dir das?“ „Ich glaube, die Menschen sind auf der Suche nach einer neuen Sprache.“ „Die Begriffe, die man in einer Predigt verwendet, sind ja auch schon 500 Jahre alt“. Die Attraktivität und Anziehungskraft des Predigt Slam sei es, dass man damit nicht versuche, die Sache an sich neu zu denken, aus der Tiefe heraus, sondern dass man an der Oberfläche, der Sprache, ansetze, erläutert der Theologe. Oberflächlichkeit im besten Sinne also. Als Gegenpol zum Schwer- und Tiefsinn der Materie. „Man kann nichts verändern, wenn man nichts Neues wagt“. So etwas wie das Credo des Predigt Slam. Das geht auch wissenschaftlicher. „Das Projekt „Predigt Slam“ lädt sie [die Theologiestudierenden]ein, sich aus der universitären geregelten Zivilisation herauszutrauen in eine Wildnis, die Anarchien und Risiken näher ist als ihre akademischen Binnenwelten“, schreibt Professor Dr. Gerhard Marcel Martin in einer Publikation zum Thema.

Sogar zum Forschungsobjekt ist der Predigt Slam inzwischen bereits geworden. Eine Studentin hat ihre Master-Thesis dazu geschrieben. Die Gefahr, dass das Ganze zu fromm werden könnte, wenn es doch letztlich eine Kunstform ist, sehen die beiden „Erfinder“ nicht. „Wenn das einer zum Missionieren nutzen wollte – das funktioniert nicht, das läuft ins Leere beim Publikum“, glaubt Thomas Erne. Und wie geht man andererseits mit dem möglichen Vorwurf um, dass die Religion zur Unterhaltung und zum reinen Event gemacht wird? „Religion kann man heute ohne ästhetischen Reiz nicht mehr kommunizieren“, stellt Erne fest. Er ist der festen Überzeugung, dass man der Religion nicht zu nahe tritt, wenn man sie in einem Unterhaltungsformat präsentiert. Das muss aber natürlich gut gemacht sein. Wie „gut gemacht“ aussieht, davon konnte man sich in diesem Sommer zum ersten Mal auch im Rahmen einer offenen Veranstaltung in Marburg ein Bild machen. In der Alten Mensa fand „Das Konzil“ statt – ein Predigt Slam, zu dem nicht nur Studierende eingeladen waren, sondern alle, „ob Heilige, ob Ketzer“. Sieben Slammer traten an: eine Pastorin, drei Theologie-Studenten und drei Poetry Slammer. Luke Skywalker und zwei Päpste zusammen in einer Veranstaltung. Fegefeuer-Erlass für den Freiwilligen, der das Fenster schließt. Und die Erklärung an die Unwissenden (Ungläubigen?), dass Predigt Slam fast genau wie Poetry Slam ist. „Nur mit ein bisschen Weltanschauung“.

Und wo sehen die beiden den Predigt Slam in weiteren fünf oder zehn Jahren? Gibt es eine Wunschvorstellung? Dass das Konzept zum Curriculum im Theologie-Studium gehört? Ein Slam im Vatikan? Für den Theologen Thomas Erne muss der Predigt Slam kein Format von Dauer sein – wenn es ein Komet ist, der nach einer Zeit verglüht, dann passt das für ihn auch. Ihm ist wichtig, dass das Potenzial nicht verschleudert wird, das in allen an Religion interessierten Menschen steckt. Wenn der Predigt Slam auch in der Zukunft noch die Funktion erfüllt, das zu erreichen – „dann super, und wenn nicht, finden wir etwas Neues“. Und Bo Wimmer? Stellt klar, dass das Ganze natürlich künftig an jeder Universität stattzufinden hat. Mit ihm. Und eine Einladung zum Papst würde er auch annehmen. Wenn es jemals soweit kommt: Wir sind dabei. Versprochen.

 

Foto: Nadja Schwarzwäller

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