Stell Dir vor, der Enkel von Bing Crosby ist in der Stadt und kaum einer kriegt’s mit. Und wer sich gerade fragt „Bing – wer?“, der möge schnell „White Christmas“ googlen und in Ehrfurcht erstarren. Phil Crosby war in Marburg und hat hier einen kleinen Workshop und ein Konzert gegeben – alles für den guten Zweck. Der „Rotaract“-Club (die Jugendorganisation der Rotarier) unterstützt mit dieser Aktion die Marburger Kinderklinik am Uniklinikum und am Sonntagabend trat Phil Crosby gemeinsam mit sechs jungen Sängerinnen und Sängern im Haus der AMV Friedericiana auf.

„Sorry, geht es hier rein?“ Wer als Konzertbesucher das Verbindungshaus – versteckt hinter einer Kurve auf dem Weg hinauf zum Landgrafenschloss – gefunden, aber noch nie betreten hat, fragt lieber mal den Kerl, der mit einer Zigarette und einer Bierflasche in der Hand auf einem Treppchen sitzt. Der nickt freundlich, erklärt dann, als ich näherkomme, aber flugs auf Englisch, oh, nein, der Eingang sei da vorne – und stellt sich als der Stargast des Abends heraus. Phil Crosby gönnt sich noch einen Moment Ruhe, bevor es losgeht. Das Bier ist natürlich ein alkoholfreies und auf die Frage, ob er nicht eigentlich stilechter Whisky zur Zigarette konsumieren sollte, lacht er. Und meine Ehrfurcht vor dem großen Namen ist verflogen.

„Das ist so ein cooler Typ“, bestätigt später Pascal Fehst, einer der sechs Sängerinnen und Sänger, die sich auf den Aufruf von Rotaract für das Konzert gemeldet hatten. Für ihn war der Name der Grund, mitmachen zu wollen – obwohl er mit der Organisation schon genug zu tun hatte, eigentlich. Einige andere müssen aber gestehen, dass sie mit dem Stichwort „Bing Crosby“ erstmal so gar nichts haben anfangen können. Weltstar? Nicht mehr für diese Generation. Kurze Nachhilfe: Der Mann, der mit Grace Kelly und Fred Astaire Filme drehte, einen Oscar gewann und 300 Hit-Singles in den Charts hatte, war einer der größten Entertainer der Geschichte. Und es dürfte wohl kaum einen Menschen geben, der seinen Song „White Christmas“ noch nicht gehört hat. Auch wenn man im Zweifel nicht weiß, wie der Kerl hieß, der da singt.

„Nie gehört“, musste auch Christian Eifert zugeben – mit 15 Jahren der jüngste Sänger des Benefizkonzerts. Aber es sei eine tolle Sache gewesen, von einem Profi Beratung zu bekommen. „Und Phil hat das mit viel Herz gemacht“, sagt Christian. Das ist dem Sänger aus Amerika zweifelsohne anzumerken. Er plaudert tiefenentspannt mit allen im Saal, klatscht so begeistert wie kein anderer nach jedem Auftritt und als das Mikro bei einem Song zu fiepen beginnt, ist Phil der erste, der aufspringt. Es habe ihm großen Spaß gemacht, mit den jungen Leuten zu arbeiten, sagt er.

Auch wenn er kein ausgebildeter Gesangslehrer ist – „I have something unique to offer“. Nicht unbedingt Technik und Stimmbildung, dafür sei auch bei den kurzen Workshops gar nicht die Zeit gewesen, aber Dinge wie Bühnenpräsenz. Er selbst hat schon mit ganz unterschiedlichen Lehrern gearbeitet. Und sich lange Jahre schwer getan mit der Entscheidung, die Musik zu seinem Beruf zu machen. Eben wegen des so berühmten Großvaters. Dessen Name natürlich Türen öffnen kann, aber immer auch eine Messlatte ist, der man nicht gerecht werden kann. Kennengelernt haben sich die beiden übrigens nicht – Phil war ein Baby, als Bing starb.
„It’s been challenging“, gesteht Phil.

Aber seine Familie habe ihn immer toll unterstützt und jetzt tut er das, was er eben liebt. Musik machen. Dass er nach Marburg kam, dafür hat Isabelle Fraulob gesorgt. Im örtlichen Rotaract-Club ist sie für das Ressort Soziales zuständig und sie hat Phil Crosby und seine Familie zufällig über Freunde kennengelernt, als sie auf Hawaii war. „Wenn ich nach Europa komme, melde ich mich“, hat er versprochen. Und eines Tages tatsächlich vor ihrer Tür in London gestanden, wo sie studierte. Also lud sie ihn nach Marburg ein. „Such a beautiful city“, stellte Phil jetzt fest; man müsse eigentlich viel mehr Zeit hier verbringen, um die Stadt wirklich kennenzulernen. Auch wenn er täglich den Berg zum Verbindungshaus hochradeln musste für die Workshops mit den Sängerinnen und Sängern. Die allesamt auch was ihre Song-Auswahl angeht, keinerlei Scheu vor großen Namen hatten und mit Songs von Adele und Amy Winehouse, Ray Charles und Ed Sheeran auftraten.

Neben Pascal Fehst und Christian Eifert standen Alexandra Winterhoff (25), Lena Liebau (23), Alexandra Thöne (21) und Helena Murk (15) auf der Bühne, begleitet von Selma Spiegel am Klavier. Pascal und Lena präsentierten jeweils auch ein selbstgeschriebenes Lied. Phil Crosby hatte sich für einen der amerikanischen Klassiker entschieden: „Some of these days“, 1926 zum ersten Mal aufgenommen. Und zum Abschluss gab es natürlich „White Christmas“. Zum Mitsingen. Zumindest, wenn man den Text kannte. Wenn man der Enkel von Bing Crosby ist, kommt man um die Nummer auch im Oktober nicht herum. Mit dem Erlös des Konzerts sollen indes Bastelsachen für die Kinderklinik angeschafft werden. Und der “Rotaract“-Club war stolz, so eine große Sozialaktion auf die Beine gestellt zu haben. Deutsch gelernt hat Phil Crosby übrigens inzwischen auch bereits ein bisschen. „Es ist schön, hier zu sein, ich freue mich sehr“ klappte schon prima. Beste Voraussetzungen, wenn er nächstes Jahr wiederkommen will. Momentan verbringt er noch ein bisschen Zeit in München, bevor er wieder nach Hause fliegt. Es ist ja auch bald Weihnachten.

 

Foto: Nadja Schwarzwäller

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