Wir waren alle schon mal im Theater und haben uns beeindrucken, amüsieren, erschrecken oder zum Nachdenken anregen lassen. Doch was passiert alles, bevor das fertige Stück auf der Bühne zu sehen ist? Welche Aufgaben werden von wem erledigt. Von der Idee zum Theaterstück – wir begleiten die Mitarbeiter des Hessischen Landestheaters bei der Inszenierung von Romeo und Julia, dass Ende Februar 2017 Premiere feiert. Doch wo beginnt alles, bevor überhaupt an die Bühne gedacht werden kann? Beim Regisseur. In diesem Fall übernimmt Matthias Faltz, Intendant des Landestheaters, persönlich den Job. Was er dabei alles beachten muss, hat er uns erzählt.

Den Regisseur „kennen“ die meisten vom Filmset, wo er in seinem Klappstuhl hockt und „Schnitt“ oder „Action“ ruft. „Beim Theater läuft das etwas anders“, erklärt Matthias Faltz und muss lachen. Ein Stück beginnt natürlich im Theater. Der Regisseur ist von Anfang an dabei. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder das Theater beauftragt einen Regisseur oder, wie in diesem Fall, der Regisseur gehört zum Theater und ist selber der Ideengeber“, erklärt Faltz. Erstmal steht nur eine Idee im Raum. „Romeo und Julia ist ja ein Klassiker. Ich versuche mir dann einen Aspekt der Geschichte herauszupicken, der mich besonders interessiert und überlege mir dann, wie ich diesen Aspekt inszenieren will“, sagt Faltz. Dabei muss er bereits an viele Faktoren denken. Auf welcher Bühne wird das Stück später aufgeführt? Was ist technisch möglich? Brauche ich Livemusik? Wie viele Schauspieler benötige ich für die Geschichte? Das sind nur einige Fragen, die ein Regisseur, zunächst für sich beantworten, muss.

Die Planung nimmt am meisten Zeit in Anspruch. Die Idee steht meist schon zwei Jahre vor Premiere im Raum. Geprobt wird erst sechs bis acht Wochen vorher. Der Regisseur setzt sich in der Zwischenzeit mit allen Mitarbeitern, die für die Verwirklichung des Stücks benötigt werden zusammen. „Als erstes spreche ich mit dem Dramaturgen. Mit ihm wird entschieden, welche Übersetzung des Stückes genutzt wird oder welche Figuren aus der Geschichte für die Inszenierung gebraucht werden. Zusammen erarbeiten sie eine Textfassung für das Stück, mit der die Schauspieler später proben. Auch die Besetzung wird bereits hier schon geklärt.

Der nächste Ansprechpartner für den Regisseur ist der Bühnenbildner. Wie soll die Bühne aussehen? Gibt es verschiedene Orte im Stück, die dargestellt werden müssen? Welche Mittel stehen zur Verfügung und welche will er einsetzen? Auch hier müssen wieder etliche Fragen geklärt werden, bevor der Bühnenbildner mit den ersten Entwürfen loslegen kann. „Hier fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen. Aus einer Idee wird ein klares Konzept“, erklärt Faltz. Das heißt jedoch noch nicht, dass zu diesem Zeitpunkt alles in Stein gemeißelt ist. „Ob das Bühnenbild so passt, wie wir uns das vorgestellt haben, sehen wir erst bei der Bauprobe“, fügt Faltz hinzu. Hier sehen alle Beteiligten zum ersten Mal, wie ihre Ideen auf der echten Bühne wirken und ob alles bedacht wurde und funktioniert. Zu diesem Zeitpunkt sind es noch etwa vier bis fünf Monate bis zur Premiere. Romeo und Julia soll Ende Februar auf die Bühne im Erwin-Piscator-Haus kommen. Wir befinden uns mit der Bauprobe also in der Gegenwart.

Hier arbeiten auch die Techniker schon fleißig mit am Licht und Ton. In diesem Fall soll die Musik live gespielt werden, also wurde nach Musikern gesucht. „Auch hier muss ich schauen, welche Instrumente und welche Art Musik dem Stück dienlich sind“, sagt Faltz. Auch die Kostümbildner werden bereits mit einbezogen, um zu klären, wie die Schauspieler später auf der Bühne aussehen sollen.

Bald geht es dann in die heiße Phase – es wird geprobt. „Sechs bis acht Wochen sind schon sehr knapp, um ein Stück einzustudieren. Deswegen wollen die Schauspieler die Textfassung oft schon vorher haben, um sich schon mal einzulesen“, erklärt Faltz. Man bemerke: die Schauspieler spielen zu dieser Zeit selber in anderen Stücken und konzentrieren sich gleichzeitig schon auf das neue. „Die Proben sind mit Abstand die stressigsten Phasen. Aber das ist auch die schönste Aufgabe eines Regisseurs“, sagt Faltz. Bei der Arbeit mit den Schauspielern fügt sich das letzte Puzzleteil in das Stück ein und man bekommt einen Eindruck, wie es später aussehen wird. „Ich persönlich arbeite gerne mit den Schauspielern direkt zusammen. Ich freue mich über ihre Ideen und Anmerkungen. Ich lasse den Akteuren gerne Freiraum, damit sie sich in ihre Rolle und in das gesamte Stück einfühlen können und sich wohlfühlen“, erzählt Faltz. Da kommt es auch schon mal vor, dass noch am Text gearbeitet wird.

Kurz vor der Premiere gibt es noch die sogenannte ama, was „alles mit allem“ bedeutet. Hier wird das Stück einmal mit Kostümen, Bühnenbild, Musik und Licht durchgespielt – sozusagen die Generalprobe vor der Premiere. Bis zur letzten Minute vor der Premiere wird an dem Stück gearbeitet. Matthias Faltz kann, wenn es dann soweit ist, nichts mehr machen. „Es gibt Kollegen, die schauen sich die Premiere ihrer Inszenierungen nicht an. Ich mache das sehr gerne. Klar, es gibt immer etwas, das einem dann noch auffällt, aber im Grunde läuft alles glatt. Ich freue mich über diesen Moment“, verrät er.

Doch wie wird man eigentlich Regisseur am Theater? „Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten“, weiß Faltz. Er selber ist quasi Quereinsteiger. Faltz war früher selber Schauspieler, bis er gefragt wurde, ob er auch mal Regie führen könne. „Dann bin ich da so reingerutscht. Es liegt ja auch nahe. In den meisten Fällen ist es gut, wenn ein Regisseur selber schon gespielt hat, weil er sich dann besser in die Schauspieler hineinversetzen kann“, erklärt er. Das sei aber kein Muss. Heutzutage kann man Regie studieren, ohne je selbst als Schauspieler auf der Bühne gestanden zu haben. Manche seien nach dem Studium auch erstmal als Regie-Assistent angestellt oder schlagen sich als Freie durch. Es gebe sehr viele Wege, um auf dem Regiestuhl, auf dem Matthias Faltz übrigens fast nie sitzt, zu kommen.

 

Foto: Hessisches Landestheater Marburg

 

Share This