Aktuell läuft das MLG Major Championship im amerikanischen Columbus – ein E-Sport-Turnier im Spiel Counter-Strike: Global Offensive. Das Turnier selbst bringt die 16 stärksten Counter-Strike-Teams zusammen und lässt sie um ein Preisgeld von erstmals einer Million US-Dollar zocken. Doch auch abseits des eigentlichen Kampfs um vordere Plätze ist ein riesengroßer und umsatzstarker Markt entstanden: Wetten werden abgeschlossen und – noch viel verrückter – Skins und Waffenmodifications werden verkauft und verlost. Wir sprechen hier von mehreren, manchmal gar Hunderttausend Euro. move36-Autor Steffen Hildenbrand kennt die Szene schon lange, beobachtet mit Spannung das aktuelle Turnier und erzählt von den Wetten und Wettkämpfen der E-Sport-Szene.

Wenn ich einem meiner Freunde erklären möchte, was an der Counter-Strike E-Sport-Szene so faszinierend ist oder wieso diese 17 Jahre alte Spiele-Serie gerade in die zweite große Blüte ihrer Playtime kommt, muss ich sehr weit ausholen. Dabei bekomme ich nicht nur viele fragende Blicke, sondern auch viele ungläubige Fragen gestellt: „Wie man kann dort digitale Waffenlackierungen für über 20.000 Euro kaufen? Und ist das eigentlich Spielgeld oder echtes?“ Ähm, es ist richtiges Geld, und zwar soviel, dass die meisten von uns circa ein Jahr dafür arbeiten müssen. Und das setzen manche bei eher weniger legalen Glücksspielen oder (legalen) Profiteamwetten an einem Abend aufs Spiel.

Oder sie verkaufen ihre außergewöhnlich lackierten Waffen (sprich mit außergewöhnlichem Skin) auf Onlinemarktplätzen an andere Zocker. Dort wechseln zum Beispiel Karambit-Messer mit regenbogenfarbener Klinge für einige Tausend Euro den Besitzer, je nach Optik und Farbkombination kann der Marktwert natürlich auch wesentlich geringer, aber auch höher ausfallen. Ich wiederhole: Hierbei geht es rein um digitale Pixel auf einer Pistole, einem Gewehr oder Messer, die einen weder stärker noch schneller machen, sondern ausschließlich schön aussehen (sollen).


Counter-Strike – Das gibt’s noch?

Aber fangen wir von vorne an: Counter-Strike war einst eine von einem Fan erstellte Modifikation des Spiels Half-Life aus dem Jahr 1998. Die Grundspielmechanik hört sich erst einmal simpel an: Zwei Teams à fünf Spieler treten in einem Wettstreit um Rundensiege gegeneinander an, bis eines der beiden Teams 16 Runden für sich entschieden hat. Einen Rundensieg kann man erlangen, indem man als Angreifer eines der Mapziele erreicht oder als Verteidiger das gegnerische Team innerhalb der Rundenzeit von zwei Minuten von selbigem abhalten kann. Dabei geht es stets um die richtige Positionierung der einzelnen Spieler im Team, die zu jeder Zeit im Blick haben müssen oder aufgrund ihrer Erfahrung manchmal auch erahnen können, wo sich die fünf Gegner aufhalten. Dafür sind vor allem hohe Konzentration und ein gutes Gehör nötig.

Ähnlich wie bei einem American-Football-Spiel wird dann auf den kleinen überschaubaren Spielfeldern (Maps) die Lücke in der gegnerischen Verteidigung gesucht. Spielfeld, Lücke, Verteidigung? Wow, Moment. Reden wir hier überhaupt über ein böses Ballerspiel, bei dem man Leute töten, killen oder abmurksen muss oder ist das eine Sportart? Es wird geschossen bei Counter-Strike, und wenn man die Lebenspunkte eines Kontrahenten auf null bringt, dann ist dieser auch bis zur Ende der laufenden Runde aus dem Spiel. Aber: Es ergötzt sich niemand an der Gewalt, sondern vielmehr daran, für das eigene Team einen Vorteil zu erkämpfen. Die Schusswechsel nehmen in diesem Spiel meist nur einen Bruchteil von Sekunden ein, 90 Prozent konzentrieren sich darauf, sich heranzutasten, die Taktik des Gegners zu lesen und die eigene darauf auszurichten, um mit viel Geschick und manchmal auch Glück schließlich den Rundenpunkt zu ergattern.


Nur Team-Player haben eine Chance

 

Und eines steht fest: Wer nicht im Team spielen kann, wird keine Freude an Counter-Strike finden. Man braucht Attribute wie eine schnelle Reaktion, Genauigkeit, räumliches sowie taktisches Verständnis, gute Reflexe und Antizipation, aber auch Kommunikation im Team. Auch wichtig ist das Geldmanagement, denn Waffen, Rauch- oder Blendgranaten müssen nach jeden Ableben und bei Rundenstart neu gekauft werden. So kann es passieren, dass ein Team, das aufgrund zwei verlorener Runden in Folge viel schlechter ausgerüstet antreten muss als zuvor. Doch selbst dann bleibt es spannend.

Und wenn aus einem 5-gegen-5 doch mal ein 4-gegen-1 wird, wird es richtig interessant. Wenn nämlich dieser letzte verbliebene Spieler es dann doch noch irgendwie schafft, die Runde für sein Team zu gewinnen, hält es keinen mehr auf den Sitzen. All das macht den Reiz dieses Spiels aus und passiert durchaus hin und wieder bei den dreimal jährlich stattfindenden großen Major-Turnieren, bei denen die besten Spieler der Welt gegeneinander antreten, wie aktuell bei MLG Major Championship in Columbus, wo es um ein Preisgeld von mehr als einer Million Dollar geht. In Deutschland findet das nächste große Counter-Strike-Turnier in Köln statt. Vom 8. bis zum 10. Juli geht es bei der ESL One um 250.000 Dollar. Ich empfehle jedem mal, den Profis zuzusehen, denn dort geht es beeindruckend zur Sache.


Eine Waffe für 4000 Euro? Kein Problem

Kommen wir aber nun zu dem Part zurück, bei dem es etwas verrückt wird und über den ich eingangs schon gesprochen habe. Der Part nämlich, bei dem 100.000 Euro in wenigen

Minuten ihren Besitzer wechseln. Wir sprechen hier von Glücksspiel um Waffentarnungen oder Wetten auf Turnierergebnisse. Seit drei Jahren gibt es bei Counter-Strike besagte Waffentarnungen, die man beim Spielen des Spiels erhalten kann, zufällig nach Rundenende oder in Kisten bekommt, die man für zwei Euro pro Stück öffnen kann. Publisher Valve verdient dabei einen Teil, genau wie die Ersteller und Künstler der Grafiken.

Es gibt 20 Millionen aktive Spieler weltweit, einige von ihnen beschäftigen sich neben dem eigentlichen Zocken früher oder später auch mit diesem kleinen Mikrokosmos der Waffentarnungen. Aber wie kann es nun passieren, dass unter manche nur ein paar Cent kosten, andere aber in die Zehntausende gehen? Angebot und Nachfrage – simple as fuck. Und wenn etwas so selten ist wie eine AWP – Dragon Lore, die höchstens 500 Spieler mit diesem speziellen Skin besitzen, dann steigt der Preis natürlich. Und die Leute sind bereit, ihn zu bezahlen.

Mittlerweile gibt es sogar Seiten, auf denen Spieler ihre Waffentarnungen gegen Pokerchips eintauschen können oder – noch verrückter – ihre Waffe mit fünf anderen in einen gemeinsamen Topf werfen und den Zufall entscheiden lassen, wer alle im Pott befindlichen Waffen sein Eigen nennen darf. Für Phantoml0rd ging es beispielsweise um einen „Gegenwert“ von 101.076 Dollar:

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