Tagtäglich kommen tausende Flüchtlinge in Europa an und setzen von hier aus erschöpft ihre Reise in ein neues Zuhause fort. Es fehlt ihnen an allem: Essen, Trinken, Kleidung, Unterschlupf. Kari und Anna aus Fulda reisen mit Paul, ihrem weißen VW-Bus, auf der Balkanroute zu den Orten, wo dringend Hilfe gebraucht wird, und versorgen Flüchtlinge mit dem Nötigsten. Auf Facebook teilen sie fleißig ihre Erlebnisse.

Anna und Kari halten mit ihrem Bus an der Grenze, wo viele Flüchtlinge seit Tagen nichts gegessen oder getrunken haben. Sie ziehen ihre Warnwesten über, um sofort als Helfer erkannt zu werden. Zuvor haben die beiden Fuldaerinnen den weißen VW T3 namens Paul mit Essen und Trinken aus dem Supermarkt vollgestopft. Jetzt stehen sie neben ihrem Bus, umringt von Menschen, und verteilen fleißig ihre Einkäufe, um zu helfen.


Einigen Flüchtlingen ihren Weg erträglicher machen

 

Eigentlich wollte die 23-jährige Katharina Weiner in ihren Semesterferien mit ihrem VW-Bus auf Europarundreise gehen. Ihre Freundin Anna Korschinek, 20 Jahre, wollte sie in der Zeit besuchen kommen. Doch nach drei Monaten kam für Kari alles anders. Als Ende August in Österreich ein Schlepper-Lastwagen mit 71 toten Flüchtlingen gefunden wurde, stand für die beiden Basib-Studentinnen fest, dass sie sich nicht einfach an den Strand legen können, wenn so viel Not am Mann ist. Kurzerhand schrieben die beiden sämtliche Verwandte und Bekannte an und baten um Spenden. Ihr Vorhaben: Wenigstens einigen Menschen ihre Flucht erträglicher zu machen und sie mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Kurzerhand buchte Anna ihren Flug nach Sofia und von dort aus ging es für die beiden los. „Wir verteilen hauptsächlich Essen, Trinken, Decken und Hygieneartikel. Wenn die Zeit da ist, führen wir aber auch Gespräche mit den Menschen. Sie freuen sich immer über Zuhörer“, erzählt Anna, „Es wird an den Grenzen stark Familientrennung betrieben. Die Leute werden in Busse verfrachtet. Ein Mann kam zu uns, dessen ganze Familie schon in einem Bus zur Weiterfahrt saß. Nur er war noch draußen und wurde nicht mehr reingelassen. Ihn mussten wir erst mal beruhigen, aber in solchen Situationen helfen wir natürlich auch.“ 

Zwar sind oft Hilfsorganisationen vor Ort an den Grenzübergängen, trotzdem wird jede helfende Hand gebraucht. Anna und Kari sind nicht die einzigen Privatpersonen, die sich entlang der Balkanroute, also der Fluchtweg über die Türkei, das östliche Mittelmeer und den Balkan nach Europa, engagieren. Über Facebookseiten und -gruppen organisieren sie sich, holen sich Tipps und informieren sich, wo als nächstes Hilfe gebraucht wird. Die zwei Fuldaerinnen fahren nach Bauchgefühl weiter zum nächsten Ort. Denn Unterstützung für die Flüchtlinge wird überall benötigt.


„Der Grenzbeamte hat sofort zugeschlagen“

 

Das mit eigenen Augen zu sehen, sei noch mal etwas ganz anderes, als  Fernsehen zu schauen. „Auch die Flüchtlinge selbst sind überrascht, wie viele eigentlich ihr Heimatland verlassen haben“, bemerkt Anna. „Es ist einfach krass, was man dort alles miterlebt.“ Die 20-Jährige berichtet von einem Erlebnis in Idomeni (Griechenland): „Es hat stark geregnet, alle waren total durchnässt, haben gezittert, gefroren, und die Finger waren blau. Wir hatten in dem Moment aber nur Hygieneartikel in unserem Bus. Mit einem Stück Seife statt warmen Klamotten konnte dort natürlich niemand etwas anfangen. Die Stimmung war also sowieso schon schlecht. Außerdem durften die Leute nicht über die Grenze. Es wurde NATO-Stacheldraht aufgestellt, um die Flüchtlinge fernzuhalten. Von hinten wurde gedrängelt, und einer ist etwas zu weit nach vorne geraten. Der Grenzbeamte hat sofort zugeschlagen.“


„Wo ist da die Menschlichkeit?“

 

Das sei aber längst nicht der einzige Moment gewesen, in der sie sich gefragt haben: „Wo bleibt da die Menschlichkeit?“ An der serbisch-ungarischen Grenze in Horgoš haben Anna und Kari Ausschreitungen live miterlebt, bei denen selbst Flüchtlingskinder mit Tränengas angegriffen wurden. In einer anderen Situation brauchten beide nach dem Erlebten erst mal einen Moment für sich: „Die Polizei hatte eine Grenze gezogen, damit die Flüchtlinge nicht ins Dorf rein laufen. Auf einmal rannte ein Mann auf mich zu und rief verzweifelt, dass sein Freund gerade eine Herzattacke habe. Ich habe sofort versucht im Dorf Hilfe zu holen, aber die Ärzte wollten partout nicht in die Menschenmasse gehen. Ich musste dann mit einem Rollstuhl, der nur zwei Rollen hatte, den Mann zu den Ärzten hieven.“


„Impressions of an Odyssey“

 

Zwei Wochen lang waren die beiden Mädels unterwegs. Nach einer kleinen Pause in der Heimat sind sie vergangene Woche erneut aufgebrochen, begleitet von einem SternTV-Team. Nach zwei weiteren Wochen werden sie wieder zurückkehren, die Uni geht schließlich los. Auf ihrer Facebook-Seite „Impressions of an Odyssey posten Anna und Kari täglich ihre Erlebnisse an den Grenzen und sammeln weiterhin fleißig Spenden, um täglich ihren VW-Bus aufs Neue füllen zu können. „Uns ist es sehr wichtig, täglich Fotos hochzuladen, damit alle wissen, dass ihr Geld oder ihre Sachspenden tatsächlich ankommen“, so Anna.

Abends ist Bus Paul komplett leer, damit die beiden darin übernachten können. Am nächsten Morgen schlüpfen die Fuldaerinnen wieder in ihre Warnwesten und verteilen Wasser, Äpfel, Feuchttücher und natürlich auch ein klein bisschen Hoffnung.

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