Mit 17 hat man noch Träume. So trällerte es die US-Schlagersängerin Peggy March vor mehr als 40 Jahren. Kira Kehm ist 17. Sie nimmt ihre Träume selbst in die Hand. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Unterricht in Eigenregie. Ohne Hilfe.

Die 17-jährige Steinauerin besucht das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Schlüchtern. Das Abitur steht an. Sie möchte ein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Und studieren. Alles muss vorbereitet werden. Bewerbungen müssen raus. Doch davon lässt sich Kira nicht einschränken. Sie hat noch ein anderes Projekt, das jede Menge Aufmerksamkeit braucht: Deutschunterricht für Flüchtlinge.

In den Herbstferien ist in der Brüder-Grimm-Stadt unter der Regie von Bürgermeister Malte Jörg Uffeln (parteiunabhängig) der Verein „Steinau miteinander“ gegründet worden. Ziel des Vereins: Die Integration von Flüchtlingen unterstützen. Kira Kehm hat aus den Kinzigtal Nachrichten davon erfahren. „Mir war gleich klar, dass ich mich engagieren möchte. Und zwar mit Deutschunterricht“, erinnert sich die junge Frau. Also besuchte sie den Bürgermeister im Rathaus. Dort wurde sofort ein Kontakt mit einer anderen ehrenamtlichen Lehrerin hergestellt. Kira konnte noch in der gleichen Woche beginnen. Zunächst übernahm die 17-Jährige eine Gruppe von Flüchtlingen, die schon erste Deutschkenntnisse hatte. Dennoch musste der Unterricht organisiert werden. Auf ihren Wunsch hin, konnte Kira aber alsbald den Anfängerkurs übernehmen. „Mich hat die große Herausforderung gereizt“, begründet sie diese Entscheidung.

Unterricht in Eigenregie

Ein mutiger Schritt, denn seither unterrichtet sie eine Gruppe von Flüchtlingen, die nahezu keine Deutschkenntnisse hat. Viele können nicht einmal Englisch. Höchstens ein paar Brocken. Der Großteil kann nur die arabische Schrift. Einige sind Analphabeten. Die Kommunikation läuft auf anderen Wegen. Die meisten Teilnehmer sind junge Männer aus Syrien, dem Irak, Iran, Afghanistan und Albanien. Einige Frauen sind ebenfalls in der Gruppe. Durchschnittsalter: 35 Jahre. Woche für Woche sind neue Gesichter zu finden.

Der Kaufmannsladen

Für Kira ist das kein Problem. Sie stellt sich der Herausforderung mit Begeisterung. Jeden Freitag unterrichtet sie an der Brüder-Grimm-Schule. Den Unterricht bereitet sie methodisch und didaktisch selbstständig vor. Ohne fremde Hilfe. Sorgfältig und zeitaufwendig. Um die Sprachbarriere zu durchbrechen, hat schon der halbe Kehm’sche Kaufmannsladen aus Kinderzeiten in der Schule Einzug gehalten. Darüber hinaus kommen FlipChart und Moderationskarten zum Einsatz. „Manchmal hampel ich auch rum, um zu erklären, was zu machen ist“, sagt Kira und lacht.

„Wie komme ich von Steinau nach Schlüchtern?“

Zu Beginn der aktuellen Unterrichtsstunde: „Hallo, ich heiße Kira. Ich bin 17 Jahre alt. Ich wohne in Steinau und komme aus Deutschland.“ Auch die Schüler stellen sich vor. Kira kennt die meisten, daher kann sie hier und da helfen. Das heutige Thema: Straßenverkehr. „Wie komme ich von Steinau nach Schlüchtern?“, fragt Kira. Bus, Bahn, Fahrrad, Auto. Ihre Schüler wissen Bescheid. Es geht darum, Feinheiten auszuloten. Dafür hat Kira Karten vorbereitet. Bilder und Wörter. Ihre Schüler sortieren die Karten. Sätze werden gebildet, aufgeklebt und ergänzt. Alle arbeiten mit. Das Engagement der 17-Jährigen kommt an. Ihre Schüler sprechen sie hochachtungsvoll mit „Frau Kira“ an. Eines ist klar: Die junge Frau wird von allen respektiert und geschätzt. Sie wissen, dass Kiras Hilfe unbezahlbar ist.

Kira Kehm ist eine von 15 Nominierten für den Jugendpreis 2016 von move36 und der Fuldaer Zeitung. Bis zum 14 Mai stellen wir alle Bewerber auf den Preis vor. Anschließend kannst du deine Stimme abgeben, wer die Ehrenamtsauszeichnung gewinnen soll. Alle Nominierten findest du hier.

Share This