move36 auf Schusters Rappen: Einmal wöchentlich erzählt hier ein reisebegeisterter move36-Schreiberling von den Auslandsmomenten, die ihm die Luft nahm und die Augen zum Strahlen brachte, von den Erlebnissen, die das Herz vor Freude zum Springen und das Zwerchfell vor Lachen zum Tanzen bringen und von all den Erinnerungen, die in den Kopf oder den Rucksack gepackt wurden und niemals wieder losgelassen werden.


Heute: Sarah Holtkamp.

Das ist Sarah:

Ich bin: viel und gerne, möglichst ohne Touristenrummel, unterwegs.

Reisen bedeutet, die nächste Seite des Buches zu lesen.

Hier bin ich: Japan

Mein Soundtrack zu diesem Text: The Used – Maybe memories


Japan – Wo sind deine Klischees?

Spinnen Japaner wirklich? Ist alles bunt und laut? Kann man gebrauchte Unterhosen im Automaten kaufen? Die Antwort muss ganz klar lauten: jein!

Schon bei der Ankunft werde ich von einem Schwall der Höflichkeit erschlagen. Im Zug von Osaka nach Kyoto läuft ein Schaffner durch den Wagen: Uniform und Kelle, aber man bemerkt ihn kaum. Fahrkartenkontrolle: Fehlanzeige. In Japan fährt man nicht schwarz, das wäre unhöflich! Der einzige Grund, aus dem ich den Mitarbeiter gleich bemerke, ist vielmehr, dass er an der Wagentür stehen bleibt und sich vor seinen Kunden verbeugt. Zusätzlich ist auffällig, dass es extrem ruhig im Zug ist. Nur ein paar Touristen hört man laut miteinander reden. Die Japaner bleiben unter sich und vor allem leise. Das hängt sicher damit zusammen, dass dieses Land auf Jahrhunderte alte Traditionen zurückblickt und diese zu großen Teilen auch noch wahrt.

Tempel und Schreine in Kyoto

Touristenprogramm ist angesagt, und da ich in Kyoto bei einem Freund zu Besuch bin, sind Tempel- und Schreinbesichtigungen Pflicht. Kyoto als alte Kaiserstadt hat mehr als genug davon im Angebot. Zufällig stolpere ich am nächsten Tag in eine traditionelle Hochzeit, für die das Brautpaar sich extra einen Schrein gemietet hat. Umgeben von Touristen schreiten sie aus dem Gebäude. Schon am zweiten Tag meiner Reise habe ich das Gefühl, jetzt mal genug Tempel gesehen zu haben und was anderes entdecken zu müssen. Klar habe ich mir Japan so vorgestellt. Also, mit kimonotragenden Frauen, Geishas, Fächern etc. Aber wo ist der andere Teil? Der Manga-, Anime-, Spielcenter- und Maidencafe-Teil? In Kyoto stoße ich diese Seite Japans betreffend so ziemlich an eine Grenze. Das Wildeste, das ich finden kann, liegt abseits der Touristenstraßen. Hierher komme ich nur, weil mein Gastgeber arbeiten muss und ich mich einfach anschließe.

Beim Herumwandern fällt mir ein Restaurant ins Auge, das mit internationaler Küche wirbt. (Sushi habe ich zwar gegessen, aber auch das ist entgegen jedem Japanklischee nicht verbreitet. Wenn, dann ist es extrem teuer!) Ich bin froh, dass ich das überhaupt verstehe, denn seit ich hier bin, fühle ich mich noch mehr wie ein Analphabet, als ich es in der Innenstadt bereits getan habe. Römische Schrift? Fehlanzeige. Vor dem Restaurant steht jedenfalls das „Ausgeflippteste“, was ich in Japan bis jetzt gesehen habe: eine Pseudo-Mange-Figur, die von einem Hund die Hose ausgezogen bekommt. Bezug zum Restaurant? Keine Ahnung!

Aber auch auf meiner weiteren Reise durch Japan werde ich nicht wirklich fündig auf meiner Suche nach den verrückten Japanern. In Kobe genieße ich den Hafen und die Natur, in Osaka finde ich ein klassisches Chinatown, das es wohl in jeder größeren amerikanischen Stadt auch gibt, und vor allem viel Verkehr. Auf Fotos, die ich nach Hause schicke, bekomme ich die Antwort: Gibt es da keine Menschen? Und die Antwort ist natürlich: Doch, aber eben nicht so viele, wie ich erwartet hätte.

Hafen von Kobe

Also mache ich mich auf den Weg nach Tokio. Vielleicht werden ja hier meine Japanklischees endlich erfüllt? Erst einmal sieht es nicht so aus. Als ich mit dem Nachtbus morgens ankomme, führt mein erster Weg zum Fischmarkt. Hier geht es für japanische Verhältnisse ganz schön laut und ruppig zu, bestimmt aber nicht bunt. Trotzdem ist es natürlich spannend, den ganzen Fisch in Rohform zu sehen. Japan ist einfach eine Insel und damit eindeutig Land des Fisches. Als Veganerin gehe ich hier auch ziemlich unter. Alles ist entweder mit Fleisch oder mit Fisch versetzt, sogar Sud und Suppen. Mein Gastgeber spricht zum Glück japanisch und kann im Restaurant erklären, was das Problem ist. Das dauert allerdings immer recht lange. Veganismus ist in Japan definitiv nicht angekommen, es gibt noch nicht einmal ein japanisches Wort dafür. Nicht immer klappt darum auch die essenstechnische Verständigung, leider.

Fischmarkt in Tokio

Nach dem Fischmarkt begebe ich mich weiter auf die Suche nach meinen Klischees. Aber erst am Abend werde ich fündig. Da ist es, endlich: Akihabara. Der Elektronic-City-Stadtteil Tokios, der sich allerdings nur über drei Straßen erstreckt, ist laut, bunt und daneben. Die Straßen sind überfüllt, und am Rand stehen Studentinnen in knappen Schulmädchenkostümen – Maiden, die ihre Kundschaft ins Café locken wollen, wo sie sie bedienen und so etwas Geld dazu verdienen. Angucken erlaubt, anfassen nicht. Hier finde ich Läden, die kleine Sexpuppen anbieten, Shops mit allen Arten von Computerspielen und vor allem Mangas. Endlich kommt Urlaubsgefühl auf. Hier ist nicht alles so, wie ich es aus Europa oder Amerika kenne, sondern völlig anders.

Schnell merke ich, dass mir nach den ganzen alten Kaiserstädten, in denen man seine innere Mitte findet, der Trubel in Akihabara für einen Abend genug ist. Am nächsten Tag reise ich also weiter zum Mount Fuji, weil ich wandern will. Und weil ich jetzt im Urlaubsgefühl angekommen bin, finde ich es großartig, dass ich auf der Wanderung vom Fuß des Berges hinauf zur fünften Station auf 1600 Metern keinem einzigen Touristen begegne. Völlig verschwitzt, aber zufrieden komme ich oben an und werde mit einer tollen Aussicht belohnt.

Persönliche Highlights meiner Reise sind allerdings andere. Das erste erlebe ich gleich am zweiten Reisetag in Osaka. In einem winzigen Club voller Japaner sehe ich „The Used“ live. Das Konzert wollte ich unbedingt besuchen, weil ich nicht glauben konnte, dass Japaner tatsächlich aus sich herausgehen können. Die überraschende Erkenntnis: Sie können, und wie! Circle und Mosh Pit bis zur Erschöpfung, und auf einmal hat keiner mehr Angst vor Körperkontakt. Wieder eine Bestätigung dessen, dass der japanische Fankult doch etwas anders funktioniert als der europäische und dass ich doch in einer fremden Kultur zu Gast bin.

Highlight Nummer zwei erlebe ich ziemlich am Ende meiner Reise direkt in Kyoto. Mit der japanischen Freundin meines Gastgebers, die kaum Englisch spricht, fahre ich ein wenig vor die Stadt und schmuggle mich in einen Onsen. Schmuggeln muss ich, weil Tätowierungen in diesen auf heißen Quellen gebauten Bädern strengstens untersagt sind: Yakuza-Alarm. Es klappt aber alles und schließlich kann ich mir im heißen Becken die Reisestrapazen der letzten drei Wochen von der Haut schwitzen.

Dabei lerne ich schon wieder etwas über japanische Kultur. Nämlich, dass die meisten Japaner kaum Englisch sprechen, aber unfassbar nett und gastfreundlich sind. Und das ist – finde ich – beim Reisen doch eigentlich das Wichtigste, oder? 

(Alle Fotos: Sarah Holtkamp)


Und nun zu den Fragen, die jeder einzelne Schreiber beantworten muss. Jede Woche gibt’s eine weitere Antwort:

Wäre ich reich, würde ich hier:
Sarah/Japan: … wie eine Verrückte rumreisen! Es gibt so unglaublich viel zu entdecken, das leider nur mit viel Geld einsehbar ist.

In Fulda ist es schöner als hier, weil …
Flo/USA (hier geht’s zum Text): Abende mit Familien und Freunden dann doch manchmal die besten sind.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): … Fulda und die Rhön so wunderbar grün und saftig sind. Das Auge kann sich an der Landschaft satt trinken. Und es gibt keinen herumliegenden Müll, der dieser Schönheit schadet.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): … alles so schön nah beieinander ist.

M
ariana/Brandenburg (hier geht’s zum Text): … es sich auf Sandböden unglaublich anstrengend läuft.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): … man keine Angst um seine Sicherheit haben muss. Man kann auch noch nachts bedenkenlos durch die Gegend streifen und muss sich eigentlich keine Sorgen machen.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): … es nicht so viele Mücken gibt.

Das kann Fulda von hier lernen:
Bernd/Namibia (hier geht’s zum Text): … wie wichtig und wohltuend unbebaute Flächen sind.

Anne/Japa
n (hier geht’s zum Text): … die außergewöhnliche Höflichkeit.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Musik und Gelassenheit in allen Lebenslagen.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Vertrauen ins Leben zu haben. Die Zukunftssorgen sind viel geringer als bei uns, das merkt man der Mentalität und dem Alltag an.

Anna/Portugal (hier geht’s zum Text): Auch mal Fünfe gerade sein zu lassen und die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Die lockere Mentalität – die Menschen steigen bei Motorrad-Fahrern einfach hinten drauf. Das nennt man Piki-Piki – ist gerade bei großen Staus die beste Möglichkeit, um voran zu kommen. Wenn wir in Fulda auch einfach mal bei jemandem im Auto mitfahren könnten oder aufs Motorrad steigen dürften, würden wir uns viel Stress mit Zug und Bahn ersparen und obendrein Geld sparen.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Die besondere Offenheit und die Toleranz der Menschen.

Wäre ich reich, würde ich hier …
Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Geld in das Gesundheitssystem packen und eine gerechte Verteilung einfordern, damit die armen Menschen auch etwas davon haben. Die Lücke zwischen Armut und Reichtum ist zu groß.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): viel Geld in Bildung investieren. 40 Prozent der Menschen über 15 sind Analphabeten. Durch Erwachsenenbildung könnten die Menschen Wege entdecken, sich, ihrem Land, ihrer Natur und ihrer Wirtschaft zu helfen.

Mariana/Fassatal (hier geht’s zum Text): mein kleines Café aufmachen und nach dem Tag auf der Piste dort einen Cappuccino schlürfen.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): ein Stückchen Land im Outback kaufen, darauf ein schönes Häuschen stellen, eine kleine Ziegenherde kaufen, einen Brunnen graben; und glücklich vor mich hinleben.

Anne/China (hier geht’s zum Text): nichts auslassen.

Das zeichnet die Menschen hier aus:
Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Offenheit, Hilfsbereitschaft und Begeisterung.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Sie sind freundlicher zueinander. Jeder wird als Freund angesehen, und Hilfe gehört zum Standard, aber sie erwarten dann auch Gegenhilfe.

Anne/Shanghai (hier geht’s zum Text): Den gemeinen Chinesen gibt es nicht. Aber wenn ich ein Attribut finden müsste, dann wäre es stoische Ruhe in unmöglichsten Situationen.

Malina/Rumänien (hier geht’s zum Text): Eine unfassbare Dankbarkeit, die ich so noch nie erlebt habe.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Lebensfreude und Entspanntheit.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Viele Marokkaner sind sehr offen und herzlich. In Nullkommanix laden sie Fremde auf einen Tee, ein Abendessen und dann meist gleich für mehrere Tage nach Hause ein. Eine Bezahlung dessen wird als Beleidigung aufgefasst.

Das hat mich überrascht:
Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): In Kolumbien isst man kein scharfes Essen (ein Vorurteil über Südamerika, hauptsächlich wohl wegen des Chilis in Mexiko).

Anne/China (hier geht’s zum Text): Dass hier nur wenige Menschen Englisch sprechen … und dass man sich trotzdem oft gut versteht. Wir sind eben alle Menschen.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Die europäischen Einflüsse – so weit weg von zu Hause – sind stets präsent.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Wie modern das Land in vielen Dingen ist, gerade was Technologie angeht. Mit dem Handy kann man in Tansania Taxifahrten und Einkäufe im Supermarkt zahlen.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Ganz im Ernst – Wie viel da alle saufen. Alle. Jung, alt, klein, groß, dick, dünn, hübsch, unhübsch. Das ist wirklich krass. Ob man das jetzt als gut oder schlecht empfindet, überlasse ich jedem selbst.

Mariana/Zürich (hier geht’s zum Text): Wie viel die Stadt für ihre Bürger und Gäste tut.

Das muss man hier erlebt haben:
Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Schnorcheln, Tauchen, irgendwie einen Blick auf das Leben unter Wasser richten. Kleine Fische, Quallen, Hummer, … – es gibt so viel zu sehen da unten.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Den Besuch eines Fußballspiels.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Eine Fahrt mit einem Dalla-Dalla. Das ist der öffentliche Bus. Eng, stickig, wackelig und billig. Ein echtes Tansania-Merkmal und der perfekte Start, um in die Kultur einzutauchen.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Tee trinken, um ein Souvenir feilschen, Auto fahren, frisches Brot essen, mit einem Einheimischen über deutschen Fußball reden.

Mariana/Kopenhagen (hier geht’s zum Text): Auf der Hafenmauer in Nyhavn sitzen, die Beine baumeln lassen und eine dänische Waffel genießen.

Was man unbedingt braucht, um hier zu „überleben“:
Mariana/Irland (hier geht’s zum Text): Tiefes Vertrauen, dass das nächste Abenteuer hinter dem nächsten Hügel auf dich wartet.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Mückenspray!

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Wasser! Am besten aus versiegelten Flaschen, mindestens aber abgekocht. Außerdem viel Toleranz in Sachen Sauberkeit und einen robusten Magen.

Anne/China (hier geht’s zum Text): … Ruhe. Und vor allem Humor.

Malina/Thailand (hier geht’s zum Text): In unserem Fall wohl die PIN für die Kreditkarte. Ansonsten luftige und trotzdem lange Kleidung. Ohne die geht es nämlich nicht in die Tempel.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Innen drin ein Verständnis dafür, dass es einfach niemand eilig hat – egal bei was: „Hang loose, bro“. Und außen wäre Sonnencrème nicht schlecht

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