move36 auf Schusters Rappen: Einmal wöchentlich erzählt hier ein reisebegeisterter move36-Schreiberling von den Auslandsmomenten, die ihm die Luft nahm und die Augen zum Strahlen brachte, von den Erlebnissen, die das Herz vor Freude zum Springen und das Zwerchfell vor Lachen zum Tanzen bringen und von all den Erinnerungen, die in den Kopf oder den Rucksack gepackt wurden und niemals wieder losgelassen werden.


Heute: Malina Sternberg.

Das ist Malina: 

Ich bin: immer heiß auf Abenteuer.

Reisen bedeutet, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Hier bin ich: Rumänien

Mein Soundtrack zu diesem Text: Birdy – People help the People


Es ist der 25. Dezember 2012. Draußen ist es noch dunkel, im Kopf herrscht die Weihnachtsstimmung vom Vorabend. Fern von allem, was 20 weitere Jugendliche und ich in den nächsten Tagen erleben werden. Auf einem Parkplatz treffen wir uns, das Gepäck wird in Kleinbussen verstaut. Ein Lastwagen mit 2174 Päckchen, die nur darauf warten, verteilt zu werden, ist bereits unterwegs nach Rumänien.

Die Fahrt kommt mir unendlich lang vor, gegen Nachmittag erreichen wir Budapest. Aber ein kleiner Halt ist leider nicht drin. Eingemummelt in Winterjacken und Decken, sitzen wir eng beieinander, durchs Fenster zieht die klirrende Kälte trotzdem. Immer im Hinterkopf: der gemütliche Schlafplatz im Hotel.

Es ist bereits dunkel, als wir ankommen. Die Gruppe setzt sich nochmal zusammen, um die Pläne durchzugehen. Danach falle ich erschöpft ins Bett, gespannt, was die nächsten Tage angeht. Aber noch sind wir lange nicht am Ziel, das Hotel in Oradea ist nur ein Zwischenstopp, und sofort am nächsten Morgen geht es weiter mit dem Bus.

Unser erstes Ziel: Ein staatliches Altenheim bei Cluj-Napoca, mitten in der Pampa. Drei graue Betonklötze stehen beieinander, in der Mitte ein kleiner Hof. Es sieht vollkommen trostlos aus, etwas heruntergekommen. Sofort werden wir begrüßt und gehen zusammen in den recht kläglichen Speisesaal. Die ersten Päckchen werden verteilt, die alten Leute sind außer sich vor Freude. Wir singen bekannte Weihnachtslieder, und alle klatschen mit. Ein älterer Herr im Trainingsanzug versucht, sich auf Deutsch zu bedanken. Dann werden wir in die einzelnen Zimmer geführt, wo noch mehr auf unsere verspäteten Weihnachtsgeschenke warten.

Eine Freundin und ich gehen in ein kleines Zimmer mit zwei Frauen, die Einrichtung ist spärlich. Es ist nicht dreckig, aber man sieht, dass das Geld an allen Enden knapp ist. Die beiden können ihren Augen kaum trauen, als wir ihnen die großen, gelben Pakete in die Hand drücken. Sie sind absolut überwältigt. Die eine Dame öffnet ihres sofort. Drin sind unter anderem Spekulatius, Reis, Schokolade, Zucker, ein Block und Stifte. Eben Dinge, die sie wirklich gebrauchen können. Jedes einzelne Paket hat den gleichen Inhalt im Wert von zehn Euro, das Geld dafür wurde vor Weihnachten gesammelt. Beide Frauen versuchen sich zu bedanken, schütteln uns die Hände, sagen für uns leider unverständliche Sätze auf Rumänisch. Dass wir uns sprachlich nicht verständigen können, spielt aber gar keine Rolle, denn in ihren Augen sieht man genau, wie dankbar sie für unseren Besuch sind und dass sie ihr Glück kaum fassen können. Ich muss die Tränen wirklich unterdrücken und verabschiede mich. Am gleichen Tag besuchen wir noch ein Altenheim in privater Hand. Dort geht es den Menschen wesentlich besser, die Zimmer sind gut ausgestattet, und das Bad ist modern. Leider ist das aber in Rumänien eher eine Seltenheit.

In Tirgu Mures machen wir Halt, um zu einer Kirchengemeinde zu gehen, wo eine Gruppe Kinder schon auf uns wartet. Bevor auch sie ihre Pakete erhalten, singen sie für uns auf Rumänisch. Auch unsere Gruppe packt die Gitarre aus und schmettert ein Lied. Viele der Kinder sind noch klein und wissen nicht so recht, was sie mit dem großen, gelben Etwas anfangen sollen, was ihnen gegeben wurde. Gefreut haben sich alle trotzdem.

Am nächsten Tag geht es dann weiter mit dem Bus über die Karpaten. Die Fahrt ist atemberaubend, überall weiße Schneelandschaften wie aus dem Märchen. Irgendwann halten wir in einer kleinen Schlucht, wo an der Straße entlang ein Markt ist. Neugierig begutachten wir die Stände, die Sonne scheint einem ins Gesicht. Wieder im Bus unterhalten wir uns über das Erlebnis von gestern und sind uns einig, dass wir alle sehr froh drüber sein können, wie gut es uns eigentlich geht.

In Piatra Neamt machen wir uns sofort ins Bett, denn am Morgen soll es sehr früh zur allerletzten Verteilung auf unserer Reise quer durch das Land gehen. Wir verladen die letzten Päckchen in zwei unserer Busse. Vor uns liegt ein längerer Weg und nach und nach wird die Landschaft immer abgelegener. In einem Dorf treffen wir auf den Bürgermeister der Gegend, wo wir hinwollen. Einen der Busse stellen wir bei ihm ab, bevor es weitergeht. Irgendwann führt er uns einen komplett zugeschneiten Weg hoch und der Wagen bleibt stecken. Alle steigen aus und versuchen zu schieben. Die Schneeketten fallen ab, und der Bus bewegt sich keinen Zentimeter. Unser Ziel ist ganz nah, einige Männer aus dem Dorf kommen und wollen helfen. Aber mit puren Händen ist kein Vorankommen. Wir versuchen es immer und immer wieder. Auf einmal kommen weitere Helfer mit einer Pferdekutsche, die sie vor unseren Bus spannen und es funktioniert tatsächlich.

Langsam rollt der Bus den Hügel hoch, und wir tauchen in eine Welt ein, von der keiner geglaubt hat, dass ein solches Dorf in Europa existiert. Keine feste Straße, die Häuser sehen aus wie heruntergekommene Lehmhütten aus dem Mittelalter. Wir beginnen mit der Verteilung, die Leute kommen alle aus ihren Häusern, den Kindern werfen wir Tennisbälle zu, die sie mit großer Freude aufsammeln. Alle sind neugierig, was wir hier machen und ebenso dankbar über unsere Pakete. In manche der Häuser dürfen wir sogar eintreten. Oftmals ist nur ein kleiner Raum ausgebaut und das für eine komplette Familie. Die Luftfeuchtigkeit in den Hütten ist so hoch, dass meine Brille und meine Kamera beschlagen. Geheizt wird mit einer Feuerstelle, die gleichzeitig zum Kochen benutzt wird. Alles ist nur provisorisch eingerichtet, es ist schockierend zu sehen, wie die Menschen hier leben müssen. Der Bürgermeister erklärt uns, dass die wenigsten jemals aus diesem Elend herauskommen und dass er alles dafür tut, dass die Kinder gut unterrichtet werden, damit sie eine Chance haben, etwas aus ihrer Zukunft zu machen.

Aber vor allem die Frauen haben wenig Perspektiven. Wir lernen ein 17-jähriges Mädchen kennen, das schwanger mit ihrem dritten Kind ist. Als alle Päckchen verteilt sind, treten wir die Fahrt in ein ähnliches Dorf an. Langsam dämmert es, und wir fahren uns kurz vor dem Ziel wieder fest. Aus dem Dorf kommen Kinder mit ihren Schlitten, auf denen wir die Pakete stapeln, es kann also weitergehen.

Diese Reise wird mir immer in Erinnerung bleiben, schon alleine, weil es unfassbar ist, dass es in einem Land, das Mitglied der Europäischen Union ist, Menschen gibt, die so fernab jeglicher Zivilisation leben. Die kein fließendes Wasser daheim haben und auf engstem Raum in winzigen Häusern leben; in Dörfern, in denen es keine richtige medizinische Versorgung gibt. Da lernt man wirklich zu schätzen, wie gut es einem doch geht, obwohl das Leben manchmal ziemlich mies sein kann. Aber wir alle haben genug zu essen, ein ordentliches Dach über dem Kopf und noch so viel mehr. Auf der anderen Seite haben wir so unfassbar viel Dankbarkeit erfahren, für ein Päckchen, in dem einfach nur Dinge drin waren, die unsereiner für selbstverständlich hält. Die Blicke und das Leuchten in den Augen werden wir wohl alle nie vergessen.

(Alle Fotos von Malina)


Und nun zu den Fragen, die jeder einzelne Schreiber beantworten muss. Jede Woche gibt’s eine weitere Antwort:

Das zeichnet die Menschen hier aus:
Malina/Rumänien: Eine unfassbare Dankbarkeit, die ich so noch nie erlebt habe.

In Fulda ist es schöner als hier, weil …
Flo/USA (hier geht’s zum Text): Abende mit Familien und Freunden dann doch manchmal die besten sind.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): … Fulda und die Rhön so wunderbar grün und saftig sind. Das Auge kann sich an der Landschaft satt trinken. Und es gibt keinen herumliegenden Müll, der dieser Schönheit schadet.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Weil alles so schön nah beieinander ist.

Das kann Fulda von hier lernen:
Bernd/Namibia (hier geht’s zum Text): … wie wichtig und wohltuend unbebaute Flächen sind.

Anne/Japa
n (hier geht’s zum Text): … die außergewöhnliche Höflichkeit.

Klara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Musik und Gelassenheit in allen Lebenslagen

Wäre ich reich, würde ich hier …
Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): … Geld in das Gesundheitssystem packen und eine gerechte Verteilung einfordern, damit die armen Menschen auch etwas davon haben. Die Lücke zwischen Armut und Reichtum ist zu groß.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): viel Geld in Bildung investieren. 40 Prozent der Menschen über 15 sind Analphabeten. Durch Erwachsenenbildung könnten die Menschen Wege entdecken, sich, ihrem Land, ihrer Natur und ihrer Wirtschaft zu helfen.

Mariana/Fassatal (hier geht’s zum Text): … mein kleines Café aufmachen und nach dem Tag auf der Piste dort einen Cappuccino schlürfen.

Das zeichnet die Menschen hier aus:
Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Offenheit, Hilfsbereitschaft und Begeisterung.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Sie sind freundlicher zueinander. Jeder wird als Freund angesehen, und Hilfe gehört zum Standard, aber sie erwarten dann auch Gegenhilfe.

Anne/Shanghai (hier geht’s zum Text): Den gemeinen Chinesen gibt es nicht. Aber wenn ich ein Attribut finden müsste, dann wäre es stoische Ruhe in unmöglichsten Situationen.

Das hat mich überrascht:
Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): In Kolumbien isst man kein scharfes Essen (ein Vorurteil über Südamerika, hauptsächlich wohl wegen des Chilis in Mexiko).

Anne/China (hier geht’s zum Text): Dass hier nur wenige Menschen Englisch sprechen … und dass man sich trotzdem oft gut versteht. Wir sind eben alle Menschen.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Die europäischen Einflüsse – so weit weg von zu Hause – sind stets präsent.

Das muss man hier erlebt haben:
Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Schnorcheln, Tauchen, irgendwie einen Blick auf das Leben unter Wasser richten. Kleine Fische, Quallen, Hummer, … – es gibt so viel zu sehen da unten.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Den Besuch eines Fußballspiels.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Eine Fahrt mit einem Dalla-Dalla. Das ist der öffentliche Bus. Eng, stickig, wackelig und billig. Ein echtes Tansania-Merkmal und der perfekte Start, um in die Kultur einzutauchen.

Was man unbedingt braucht, um hier zu „überleben“:
Mariana/Irland (hier geht’s zum Text): Tiefes Vertrauen, dass das nächste Abenteuer hinter dem nächsten Hügel auf dich wartet.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Mückenspray!

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Wasser! Am besten aus versiegelten Flaschen, mindestens aber abgekocht. Außerdem viel Toleranz in Sachen Sauberkeit und einen robusten Magen.

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