move36 auf Schusters Rappen: Einmal wöchentlich erzählt hier ein reisebegeisterter move36-Schreiberling von den Auslandsmomenten, die ihm die Luft nahm und die Augen zum Strahlen brachte, von den Erlebnissen, die das Herz vor Freude zum Springen und das Zwerchfell vor Lachen zum Tanzen bringen und von all den Erinnerungen, die in den Kopf oder den Rucksack gepackt wurden und niemals wieder losgelassen werden.


Heute: Sarah Holtkamp.

Das ist Sarah:


Ich bin: viel und gerne, möglichst ohne Touristenrummel unterwegs.

Reisen bedeutet, die nächste Seite des Buches zu lesen.

Hier bin ich: New York City/Houston

Mein Soundtrack zu diesem Text: Waxahatchee – Be Good


 

New York gegen den Rest der Welt?

Aus dem kalten Deutschland geht es nach New York. 25 Grad und Sonnenschein erwarten mich dort, und ich muss sofort die dicke Jacke ausziehen. New York also, die Stadt die niemals schläft und die erst einmal so gar nicht daherkommt, wie man sich amerikanische Städte vorstellt: klar gibt es die allseits bekannten Wolkenkratzer, und alles scheint so groß, dass man sich ganz klein fühlt. Viele Menschen sind unterwegs und Multi-Kulti ist angesagt. Aber was genau ist es eigentlich, was eine amerikanische Stadt ausmacht?

Schon bei meinem letzten Besuch kam mir New York City nicht sonderlich amerikanisch vor. Die ganzen alten Gebäude passen einfach nicht so recht ins Bild. Trotzdem ist die Stadt von Deutschland aus gesehen ja irgendwie das Sinnbild für die Staaten. Warum? Klar: Hier ist eine der Hochburgen des amerikanischen Films, viele Stars wohnen und arbeiten hier und werden vor allem gemacht. Der Broadway steht dabei als „Stairway to heaven“ irgendwie im Mittelpunkt des Ganzen. Als ich über den Times Square laufe, fällt aber schnell auf, dass der hier gelebte Traum irgendwie eher eine Touristenfalle ist. Die Preise für die Tickets sind horrende, und überall trifft man auf Leute, die einen in irgendwelche Shows ziehen wollen.

Der Central Park in NYC.

Natürlich sieht man auch viel nackte Haut und verkleidete Actionstars – ein bisschen wie in Disneyland. Passend, dass der dreistöckige Disneystore gleich Vis-á-vis ist. Am ersten Abend meiner Reise in die Stadt, die niemals schläft, habe ich mir schon von Deutschland aus Konzertkarten organisiert. Ich stiefele also in die Websterhall, nicht ohne die berüchtigte New Yorker Metro genutzt zu haben, und bin erst einmal überrascht. Dieses Gebäude stünde in Deutschland definitiv unter Denkmalschutz. Nicht zu glauben, dass das hier eher als eine für Halloween geschmückte Disco daher kommt. Mit allem, was dazu gehört, allerdings: Marmorsäulen, Marmorboden, Stuck, Goldverzierungen.

New York City bei Nacht.

Umso mehr genieße ich das Konzert. Waxahatchee scheint in den USA definitiv bekannter zu sein als bei uns: Es ist ausverkauft. In dieser Location kommt die Musik, trotz meiner Müdigkeit, gleich tausendmal besser über die Rampe. Auf dem Heimweg gegen 23 Uhr bin ich dann aber überrascht; von wegen die Stadt, die niemals schläft! Nicht einmal ein Bier kriege ich noch auf dem Weg zurück in die Wohnung! Und dieser Eindruck bestätigt sich irgendwie in den nächsten Tagen. Klar ist es bunt und laut, und es ist immer was los, aber wenn man wirklich abends und nachts unterwegs sein will, muss man schon an den richtigen Ort gehen. Und in Harlem, wo ich schlafe, ist nachts tatsächlich ziemlich tote Hose. Tagsüber steppt aber der Bär, und man kann sich entspannt ins Getümmel werfen.


Nächstes Ziel: Houston

 

Zum zweiten Teil meiner Reise setze ich mich noch einmal in den Flieger und bin drei Stunden unterwegs nach Houston – meinen Bruder besuchen. Als ich aus dem Flughafen trete, trifft mich die Hitze. Bei 39 Grad und strahlender Sonne muss ich die Kleidungsauswahl in meinem Backpack doch anzweifeln. Hilft aber nichts, ich gehe los in die Stadt. Und hier finde ich, was ich in New York als nicht so typisch amerikanisch empfunden habe: Hochhäuser, wenige alte Gebäude und irgendwie keine durchschaubar geordnete Stadtstruktur. Stadtzentrum: Fehlanzeige. Jetzt habe ich das Gefühl, wirklich in den Staaten zu sein. ALLE Menschen fahren Auto, anders kann man sich in der Stadt quasi nicht bewegen, weil ein komplettes öffentliches Verkehrssystem fehlt. Darum liegt auch die Alkoholgrenze fürs Fahren bei 0,8 Promille – irgendwie logisch. In der Stadt an sich gibt es zwar viel zu sehen, aber man muss ganz schön danach suchen. Zum Glück wird meine Panik, dass in Texas alle Menschen mit Waffen am Körper herumlaufen, nicht bestätigt, und ich fühle mich insgesamt sogar super sicher.


Eine Cowboyfarm in Houston.

Neben der obligatorischen Besichtigung einer Cowboy-Farm mit der entsprechenden Einführung und dem Besuch eines Naturschutzgebiets, bei dem ich auf Tuchfühlung mit riesigen Alligatoren gehen kann, schmeiße ich mich auch ins Nachtleben. Hier merke ich schnell, dass das alles ein bisschen anders läuft. Die Party ist, dem super Wetter geschuldet, draußen und gerammelt voll. Tanzen tut allerdings niemand. Dafür wird viel Bier konsumiert, und alle unterhalten sich lautstark. Das Special der Party ist, dass man natürlich auch rein gehen kann, wenn man will. Aber nicht irgendwo, sondern ins Museum! Verwirrt über das Kunstverhältnis, das mir hier geboten wird, lasse ich mich darauf ein und werde so in einer Installation selbst Teil des Kunstwerks. Abstand zu Kunst ist hier, auch alkoholisiert, absolut nicht gewollt. Finde ich super.


Party im Museum.

Nichtsdestotrotz sehne ich mich nach New York zurück, wo ich das Gefühl habe, die Stadt zu durchschauen und ein Zentrum finden zu können, wo das Leben stattfindet. Auf dem Rückflug nach Deutschland ist das Flugzeug ziemlich leer, und ich frage mich, ob das nicht auch ein bisschen der amerikanische Traum ist: viel Fläche und Platz für jeden; wenn er denn Geld hat.

(Alle Fotos: Sarah Holtkamp)


Und nun zu den Fragen, die jeder einzelne Schreiber beantworten muss. Jede Woche gibt’s eine weitere Antwort:

Das zeichnet die Menschen hier aus:
Sarah/New York City: Alle sind extrem offen, aber leider bleibt es erst einmal ziemlich oberflächlich.

In Fulda ist es schöner als hier, weil …
Flo/USA (hier geht’s zum Text): Abende mit Familien und Freunden dann doch manchmal die besten sind.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): … Fulda und die Rhön so wunderbar grün und saftig sind. Das Auge kann sich an der Landschaft satt trinken. Und es gibt keinen herumliegenden Müll, der dieser Schönheit schadet.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): … alles so schön nah beieinander ist.

M
ariana/Brandenburg (hier geht’s zum Text): … es sich auf Sandböden unglaublich anstrengend läuft.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): … man keine Angst um seine Sicherheit haben muss. Man kann auch noch nachts bedenkenlos durch die Gegend streifen und muss sich eigentlich keine Sorgen machen.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): … es nicht so viele Mücken gibt.

Das kann Fulda von hier lernen:
Bernd/Namibia (hier geht’s zum Text): … wie wichtig und wohltuend unbebaute Flächen sind.

Anne/Japa
n (hier geht’s zum Text): … die außergewöhnliche Höflichkeit.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Musik und Gelassenheit in allen Lebenslagen.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Vertrauen ins Leben zu haben. Die Zukunftssorgen sind viel geringer als bei uns, das merkt man der Mentalität und dem Alltag an.

Anna/Portugal (hier geht’s zum Text): Auch mal Fünfe gerade sein zu lassen und die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Die lockere Mentalität – die Menschen steigen bei Motorrad-Fahrern einfach hinten drauf. Das nennt man Piki-Piki – ist gerade bei großen Staus die beste Möglichkeit, um voran zu kommen. Wenn wir in Fulda auch einfach mal bei jemandem im Auto mitfahren könnten oder aufs Motorrad steigen dürften, würden wir uns viel Stress mit Zug und Bahn ersparen und obendrein Geld sparen.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Die besondere Offenheit und die Toleranz der Menschen.

Wäre ich reich, würde ich hier …
Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Geld in das Gesundheitssystem packen und eine gerechte Verteilung einfordern, damit die armen Menschen auch etwas davon haben. Die Lücke zwischen Armut und Reichtum ist zu groß.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): viel Geld in Bildung investieren. 40 Prozent der Menschen über 15 sind Analphabeten. Durch Erwachsenenbildung könnten die Menschen Wege entdecken, sich, ihrem Land, ihrer Natur und ihrer Wirtschaft zu helfen.

Mariana/Fassatal (hier geht’s zum Text): mein kleines Café aufmachen und nach dem Tag auf der Piste dort einen Cappuccino schlürfen.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): ein Stückchen Land im Outback kaufen, darauf ein schönes Häuschen stellen, eine kleine Ziegenherde kaufen, einen Brunnen graben; und glücklich vor mich hinleben.

Anne/China (hier geht’s zum Text): nichts auslassen.

Sarah/Japan (hier geht’s zum Text): wie eine Verrückte rumreisen! Es gibt so unglaublich viel zu entdecken, das leider nur mit viel Geld einsehbar ist.

Das zeichnet die Menschen hier aus:
Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Offenheit, Hilfsbereitschaft und Begeisterung.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Sie sind freundlicher zueinander. Jeder wird als Freund angesehen, und Hilfe gehört zum Standard, aber sie erwarten dann auch Gegenhilfe.

Anne/Shanghai (hier geht’s zum Text): Den gemeinen Chinesen gibt es nicht. Aber wenn ich ein Attribut finden müsste, dann wäre es stoische Ruhe in unmöglichsten Situationen.

Malina/Rumänien (hier geht’s zum Text): Eine unfassbare Dankbarkeit, die ich so noch nie erlebt habe.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Lebensfreude und Entspanntheit.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Viele Marokkaner sind sehr offen und herzlich. In Nullkommanix laden sie Fremde auf einen Tee, ein Abendessen und dann meist gleich für mehrere Tage nach Hause ein. Eine Bezahlung dessen wird als Beleidigung aufgefasst.

Das hat mich überrascht:
Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): In Kolumbien isst man kein scharfes Essen (ein Vorurteil über Südamerika, hauptsächlich wohl wegen des Chilis in Mexiko).

Anne/China (hier geht’s zum Text): Dass hier nur wenige Menschen Englisch sprechen … und dass man sich trotzdem oft gut versteht. Wir sind eben alle Menschen.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Die europäischen Einflüsse – so weit weg von zu Hause – sind stets präsent.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Wie modern das Land in vielen Dingen ist, gerade was Technologie angeht. Mit dem Handy kann man in Tansania Taxifahrten und Einkäufe im Supermarkt zahlen.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Ganz im Ernst – Wie viel da alle saufen. Alle. Jung, alt, klein, groß, dick, dünn, hübsch, unhübsch. Das ist wirklich krass. Ob man das jetzt als gut oder schlecht empfindet, überlasse ich jedem selbst.

Mariana/Zürich (hier geht’s zum Text): Wie viel die Stadt für ihre Bürger und Gäste tut.

Das muss man hier erlebt haben:
Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Schnorcheln, Tauchen, irgendwie einen Blick auf das Leben unter Wasser richten. Kleine Fische, Quallen, Hummer, … – es gibt so viel zu sehen da unten.

Joscha/Argentinien (hier geht’s zum Text): Den Besuch eines Fußballspiels.

Karsten/Tansania (hier geht’s zum Text): Eine Fahrt mit einem Dalla-Dalla. Das ist der öffentliche Bus. Eng, stickig, wackelig und billig. Ein echtes Tansania-Merkmal und der perfekte Start, um in die Kultur einzutauchen.

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Tee trinken, um ein Souvenir feilschen, Auto fahren, frisches Brot essen, mit einem Einheimischen über deutschen Fußball reden.

Mariana/Kopenhagen (hier geht’s zum Text): Auf der Hafenmauer in Nyhavn sitzen, die Beine baumeln lassen und eine dänische Waffel genießen.

Was man unbedingt braucht, um hier zu „überleben“:
Mariana/Irland (hier geht’s zum Text): Tiefes Vertrauen, dass das nächste Abenteuer hinter dem nächsten Hügel auf dich wartet.

Clara/Kolumbien (hier geht’s zum Text): Mückenspray!

Helena/Marokko (hier geht’s zum Text): Wasser! Am besten aus versiegelten Flaschen, mindestens aber abgekocht. Außerdem viel Toleranz in Sachen Sauberkeit und einen robusten Magen.

Anne/China (hier geht’s zum Text): … Ruhe. Und vor allem Humor.

Malina/Thailand (hier geht’s zum Text): In unserem Fall wohl die PIN für die Kreditkarte. Ansonsten luftige und trotzdem lange Kleidung. Ohne die geht es nämlich nicht in die Tempel.

Nico/Australien (hier geht’s zum Text): Innen drin ein Verständnis dafür, dass es einfach niemand eilig hat – egal bei was: „Hang loose, bro“. Und außen wäre Sonnencrème nicht schlecht

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