Rottnest Island: Die kleine Insel im Westen Australiens klotzt mit zauberhafter Landschaft, Stränden und Buchten zum Schnorcheln. Viele Pfade führen zu den verträumtesten Ecken. Wer die Insel erkunden möchte, muss sich aufs Rad schwingen – Autos sind auf dem Eiland verboten.

Mit einer kleinen Propellermaschine fahren wir die kurze Start- und Landebahn entlang. Hank, der Pilot, zieht den Steuerknüppel zu sich, die brummende Maschine steigt gemächlich in die Lüfte. Jetzt fährt Hank die Reifen ein, und mit einem schmallippigen „Sweet“ gibt er mir zu verstehen, dass alles gut verlaufen ist.


Die Ratten sind Kängurus

Doch ich – auf dem Platz des Co-Piloten – blicke in Richtung Horizont und schweife längst in andere Welten ab, als wir erst einmal bis zum äußeren Rand der kleinen Insel fliegen. Aus der Luft betrachtet wirkt Rottnest Island wie ein Haufen zahlreicher kleiner, grüner Flecken, die irgendwann mal in den Indischen Ozean gefallen sind und dort jetzt vertäumt in der Sonne liegen. Willem de Vlamingh, holländischer Seefahrer, entdeckte die Insel 1696. Als er an Land ging, fand er ein Habitat für, wie er dachte, Tausende von Ratten vor und gab der Insel den Namen Rattennest – Rottnest Island. Was de Vlamingh damals nicht wusste war, dass es sich bei den Tieren um Quokkas handelte, die auf der Insel heute Kultstatus genießen und in Wahrheit Beuteltiere sind, die bis zu 30 Zentimeter groß werden können. Die neugierigen Hüpfer tummeln sich wahrlich zu Zehntausenden auf der Insel, sind nimmersatt und dabei keineswegs menschenscheu. Futter suchen und finden die Mini-Kängurus meist in der Nähe der Strände, bei den Dünen und in den Sträuchern.


Keine Frittenbuden, keine Schmuddelecken

Die Insel ist ein paradiesisches Fleckchen, das weiß auch die australische Regierung und versucht daher, alles so sauber und unbefleckt zu erhalten, wie es geht: Auf Rottnest Island gibt es keine dreckigen Frittenbuden, kein Müll, keine Schmuddelecken, noch nicht einmal große, breite Straßen. Nur die Polizei fährt auf dem elf auf vier Kilometer großen Eiland mit dem Auto, der Rest ist mit dem Rad unterwegs. Die Pfade führen zu insgesamt 63 traumhaften Stränden, die sich in ihrer Schönheit nicht vor den elfenbeinweißen Küsten der Karibik zu verstecken brauchen. Im Meer tanzen Delfine; die buntesten Fische, Hummer, die südlichsten Korallen der Welt und kleine durchsichtige Quallen sind schon wenige Schwimmzüge vom Strand entfernt sichtbar, und an den Küsten beobachten Pelikane und kreischende Möwen das Treiben des Meeres. Pilot Hank steuert das Propellerflugzeug über die Seenlandschaft im Zentrum Rottnest Islands, bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dort Salz abgeschöpft und verkauft. Mittlerweile leben die knapp 300 Einwohner vom Tourismus. Zwei Hotels empfangen die Urlauber, die Anlegeplätze für Boote sind schon auf Jahre hinaus ausgebucht, die Preise dafür hoch. Die meisten Leute kommen für einen Tag vom knapp 20 Kilometer entfernten Festland. Für gut 60 Euro geht es mit der Fähre von Freemantle bei Perth im Westen Australiens in 40 Minuten einmal auf die Insel und abends wieder zurück.


Vor 6000 Jahren erstmals besiedelt

Die einzige Ortschaft auf „Rotto“ ist die Thomson Bay, der Rest der Insel ist weitestgehend unberührte Natur. Artefakte und Spuren deuten darauf hin, dass bis vor circa 6000 Jahren die australischen Ureinwohner, die Aborigines, dort lebten; zu diesem Zeitpunkt trennte sich die Insel wegen des steigenden Meeresspiegels vom Festland. In den 1830er Jahren ließ sich der Landbesitzer Robert Thomson dort mit seiner Familie nieder. Ab 1829 unterstand die Insel der britischen Kolonie, sodann begann eine der dunkleren Stunden.


Viele dunkle Jahre der Insel

Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Aborigines wieder zurück, diesmal allerdings als Gefangene. Einer Sträflingskolonie für die Ureinwohner folgte im Ersten Weltkrieg die Errichtung eines Konzentrationslagers für Angehörige des Dreibundes bestehend aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien, und im Zweiten Weltkrieg wurden italienische Zivilisten an dem Ort festgehalten, wo heute Gäste am Tage grillen und bei Nacht ihren Schlaf suchen. Die Geschichte aber ist Teil dieser Insel und der darauf lebenden Gemeinschaft. Ein Museum hält die Geschehnisse fest und die Erinnerungen wach, Schriftstücke von Häftlingen und Tafeln oder Mahnmale gedenken der Leiden der Strafgefangenen.


„Welcome to Rotto“

Es ist nun etwas mehr als eine Viertelstunde vergangen, seit wir abgehoben sind. Von oben sehen die Buchten noch verschlafener aus, die Erhebungen wirken noch kleiner (Wadjemup Hill mit seinen 40 Metern ist der höchste Berg Rottnest Islands), und die Seen glänzen noch farbenfroher. Pilot Hank bringt die Maschine trotz einiger kleiner Windböen wieder sicher auf den Boden. „Welcome to Rotto“, sagt er mit einem breiten Lächeln, als er noch schnell an einigen Hebeln und Knöpfen zieht oder drückt. Ich bedanke mich, schwinge mich aufs Rad, fahre an im Wind flatternden Palmenblättern und neugierigen Quokkas vorbei zum nächstgelegenen Strand: Pinkies Beach bietet mit kristallklarem Wasser und dem Bathurst Leuchtturm eine tolle Kulisse zum Schnorcheln.

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