Klassenfahrt nach Nepal? Für eine Gruppe von der Hermann Lietz Schule Schloss Bieberstein wurde das gerade Realität. Seit sechs Jahren kooperiert die Schule mit Sudama Karki, der in Nepal Kinderheime aufbaut. Jedes Jahr fahren Klassen in das ferne Land, um zu helfen, aber auch um zu berichten. Daniel Frevel, der für move36 regelmäßig Videos macht, war in diesem Jahr in Kathmandu dabei und erzählt, was er in den letzten 14 Tagen erlebt hat.

Mein großer Rucksack liegt in der Ecke, der Reisepass auf dem Tisch und ich vollkommen erledigt auf meinem Bett. Diese Reise hat mich geschafft. 14 Tage habe ich mit weiteren Schülern der Hermann Lietz Schule Schloss Bieberstein aus Langenbieber in Nepal, dem kleinen Nachbarland von Indien und China, verbracht. Es war bereits meine zweite Reise nach Nepal, und genau wie beim ersten Mal stand nicht Sightseeing auf dem Programm, sondern ein Hausbauprojekt. Für die Biebersteiner haben die Reisen nach Nepal fast schon Tradition. Seit mittlerweile sechs Jahren fährt jedes Jahr mindestens eine Gruppe für ein Projekt in das Land des Lächelns. 2012 dann mit mir an Bord. Als damals noch 15-Jähriger war das eine riesige Erfahrung: Diese vollkommen fremde Kultur, die absolute Armut, die Hektik der Städte und die dazu gegensätzliche Ruhe der Berge, all diese Dinge machten die Reise für mich unvergesslich.

Im Frühjahr 2015 dann die Schreckensmeldung: In Nepal bebt die Erde. Und das nicht zu knapp. Mit einer Magnitude von 7,8 war dieses Erdbeben die verheerendste Katastrophe in der Geschichte des Landes. Knapp 8800 Menschen starben. Auch im Partner-Kinderheim der Schule war einiges zerstört. Bieberstein versandte damals zwei Wasseraufbereitungsanlagen und sammelte über 80.000 Euro Spendengelder. Darüber hinaus entschied sich die Schule, eine zusätzliche Gruppe Freiwilliger ein halbes Jahr nach dem Beben zum Wiederaufbau des Kinderheims in den hessischen Herbstferien nach Nepal zu senden. Diese Gruppe durfte ich begleiten, um über ihre Reise und ihre Arbeit eine Reportage zu drehen.


Ein Mundschutz ist ratsam

 

Kathmandu war genauso schmutzig, laut und hektisch, wie ich es in Erinnerung hatte. Auf den ersten Blick war hier nicht so viel Zerstörung wie erwartet zu sehen, was aber vermutlich auf das Gesamtbild der Stadt zurückzuführen war, denn hier war schon immer alles zusammengezimmert, improvisiert.

Geht man an der Straße entlang, ist es mehr als ratsam, einen Mundschutz zu tragen und seine Augen und Ohren überall zu haben, denn der Fahrstil der Nepalis ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern wirklich lebensgefährlich!


Die aufregendste Busfahrt meines Lebens

 

Nach zwei Tagen in Kathmandu fuhren wir dann in einem typischen Nepalibus über sechs Stunden lang weg von der Stadt ins Gebirge der Region Gorkh. Diese Busfahrt war sicherlich die aufregendste meines Lebens. Mit einem für diese Straßenverhältnisse sehr hohem Tempo bretterten wir zunächst über holprige Serpentinen, immer nah am Abgrund, den Berg hinauf, vor Kurven hupend, um Entgegenkommende zu warnen, keinesfalls aber abbremsend, um dann über einen Untergrund den steilen Berg zu erklimmen, der weder den Titel Weg noch Holperpiste, eher Acker verdient hat.

Als die Busfahrt dann endlich geschafft war, mussten wir nur noch über sechs Stunden einen Berg mitsamt unseres Gepäcks hinauflaufen und waren endlich angekommen, in Swaragon.


Zwischen Reis- und Hirsefeldern

 

Swaragon ist eines von unzähligen kleinen Bergdörfern in Gorkha. Zwischen Reis- und Hirsefeldern am Hang gelegen, mit einer offiziellen Einwohnerzahl von 800, die sich durch die unzähligen verstreuten Häuser um das Dorf herum zusammensetzt. Hier gibt es einen kleinen Laden, eine Schule, zu der jeden Tag Schüler aus allen umliegenden Dörfern kommen (teilweise laufen die Kinder morgens mehr als drei Stunden, um den Unterricht besuchen zu können) und eben das besagte Kinderheim.

Wir wurden in Zelten am Dorfrand untergebracht und lernten sehr schnell die mehr als freundliche Dorfbevölkerung kennen. Hier sprach zwar kaum eine Seele Englisch, verständigt hat man sich aber trotzdem irgendwie.


70 Prozent des Dorfes ist zerstört

 

Auch die Zerstörung des Bebens war sehr deutlich zu sehen. Fast 70 Prozent des Dorfes sind zerstört, erzählte mir ein junger Nepali. Er wohnt jetzt mit seiner Familie in einer kleinen improvisierten Hütte neben den Trümmern ihres alten Zuhauses. In Swaragon kommt die Erdbebenhilfe an.

Am zweiten Tag landet eine Caritas-Mitarbeiterin mit einem Helikopter in dem Dorf und verteilt 75 Dollar pro Haushalt an die Dorfbewohner, daneben wohnen hier temporär auch Volunteers, die bei allen anfallenden Arbeiten der Dorfbevölkerrung zur Seite stehen, und dann sind da noch wir, die sich um die Waisenkinder und deren Zuhause kümmerten. Ob es in jedem Dorf hier eine solche Fülle von Hilfestellungen gibt, ist fraglich. Über acht Tage lang arbeiteten wir auf der Baustelle, hoben ein Fundament für ein erdbebensicheres neues Haus aus, schwitzten in der Mittagssonne.


Zufriedenheit und Glück

 

In unserer Freizeit spielten wir mit den Kindern, erkundeten die Natur und nahmen am Dorfleben teil. Eine sehr schöne Zeit, die vor allem eines zeigte: Trotz einer große Katastrophe lassen sich die Nepalis ihr Lächeln nicht nehmen. Nach acht Tagen dann hieß es Abschied nehmen. Von den Kindern, von Swaragon und nach erfolgreichem Abstieg und einer wieder überaus anstrengenden Busfahrt sowie zwei weiteren Tagen in Kathmandu dann auch von Nepal.

Das Erdbeben hat die Menschen hier schwer getroffen. Viele haben Freunde, Familie und ihr Zuhause verloren, das ganze Land hat Heiligtümer, Kulturschätze verloren, und trotzdem habe ich nach dieser Reise keinerlei Bedenken, dass sich Nepal davon nicht erholen wird. Zufriedenheit und Glück findet man hier viel häufiger als in unseren Breitengraden, das hilft den Menschen. Und auch die Touristen werden wiederkommen, denn Land, Leute und die sagenhafte Natur sind einzigartig.


Es hat sich gelohnt

 

Ich nehme vieles aus Nepal mit nach Hause, was genau das ist, neben der einfachen Zufriedenheit und den Glücksgefühlen, die man beim Anblick eines Supermarktregals erfährt, muss ich aber noch herausfinden. Eines ist sicher: Die Anstrengungen haben sich auch bei diesem zweiten Mal gelohnt.

Share This